https://www.faz.net/-gqz-77kq3

Deutsch-türkischer Streit : Kultur, Kültür

  • -Aktualisiert am

Der türkische Kulturminister wirft deutschen Archäologen vor, sie würden Ausgrabungsstätten im Chaos hinterlassen. Sie hätten im Mündungsgebiet des Mäander noch nicht einmal für einen Wasserabfluss gesorgt.

          1 Min.

          Seit 114 Jahren grüben die Deutschen in der antiken Stadt Milet, sagt der neue türkische Kulturminister Ömer Çelik im „Spiegel“, und bis heute hätten sie „nicht einmal für den Wasserabfluss gesorgt“. Es ist nur einer von vielen Vorwürfen, die der Minister den deutschen Museen und Archäologen macht - und der absurdeste. Die Ruinen von Milet, das in seiner Blütezeit sechs Jahrhunderte vor Christus eine Metropole des Handels und der Philosophie war, liegen im Mündungsgebiet des Mäander, dessen Sedimente die Hafenstadt schon in der Spätantike verlanden ließen, bevor sie im Mittelalter aufgegeben wurde.

          Die Versumpfung des Deltas und die großflächige Nutzung des Schwemmlands als Baumwollanbaugebiet lassen den Fluss in jedem Winter über die Ufer treten, so dass ein Teil der Grabungsstätte oft bis zum Frühsommer überflutet ist. Ein „Wasserabfluss“ ergäbe hier ein hydrologisches Riesenprojekt, das selbst für die zuständige Provinzregierung zu groß, geschweige denn von den Ausgräbern der Bochumer Ruhr-Universität zu stemmen wäre. Aber auf solche lästigen Feinheiten scheint es dem Minister bei seinem Feldzug gegen die Kulturimperialisten des Westens gar nicht anzukommen.

          Es ist noch ein langer Marsch in die europäische Kultur- und Wissensgemeinschaft.

          Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der die Politik der Türkei gegenüber eigenen Geschichtsschätzen und fremden Wissenschaftlern als „manchmal fast chauvinistisch“ bezeichnet hat, solle sich entschuldigen, sagt Çelik. Doch wie soll man es nennen, wenn der Minister eine vor hundert Jahren erworbene Gebetsnische aus dem kleinasiatischen Konya, die heute im Museum für Islamische Kunst in Berlin steht, mit dem Hinweis auf ihre „religiöse Bedeutung“ zurückfordert? Will Ankara etwa die Mosaiken der Hagia Sophia oder die Chora-Kirche in Istanbul mit ihren sagenhaften Fresken der griechisch-orthodoxen Kirche restituieren, weil sie einst für Gottesdienste genutzt wurden? Die Türkei ist, wie man sieht, immer noch auf dem langen Marsch in die europäische Kultur- und Wissenschaftsgemeinschaft, und in letzter Zeit ist der Weg eher länger als kürzer geworden. Immerhin scheint sich Çelik von einigen der Provokationen, für die sein Vorgänger Ertugrul Günay bekannt war, verabschiedet zu haben. Der Pergamon-Altar, so teilt er mit, sei auf legale Weise nach Deutschland gelangt. „Solche Objekte fordern wir nicht zurück.“ Dieser Fall ist also abgeschlossen. Hoffentlich.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Nie entschuldigen, immer angreifen

          Arte-Themenabend zu Amerika : Nie entschuldigen, immer angreifen

          Wenn jemand die Erwartungen seines Vaters, ein „Killer“ zu sein, übererfüllt: Arte bietet mit der Dokumentation „Amerika hat die Wahl“ zwei komplexe Persönlichkeitsanalysen der Präsidentschaftskandidaten an.

          In jeder Hinsicht abgesichert Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Und morgen die ganze Welt“ : In jeder Hinsicht abgesichert

          Der neue Spielfilm von Julia von Heinz erkundet, ob rechte Gewalt mit Gewalt von Links ausgeglichen werden kann. Dabei macht der Film vieles richtig, doch will auf gar keinen Fall anecken. Die Video-Filmkritik von Bert Rebhandl.

          Topmeldungen

          Afghanische Flüchtlinge treiben in türkischen Rettungsbooten über die Ägäis.

          Illegale Pushbacks? : Zurück in die Türkei

          Athen brüstet sich damit, dass es Migranten von der irregulären Einreise abhält, auch auf dem Seeweg. Doch nach EU-Recht ist das nicht erlaubt. Jetzt sieht sich die Grenzschutzbehörde Frontex bohrenden Fragen ausgesetzt.

          iPhone 12 im Praxistest : Die Tempomacher

          Mit den neuen iPhones 12 bringt Apple 5G aufs Smartphone. Zum Test mit dem 12 Pro waren wir mit einer Sim-Karte der Telekom unterwegs. Einige der ersten Messungen in der Praxis waren überraschend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.