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Deutsch-russische Kinogeschichte : Die Revolution zeigt ihre Filme

Plakat zu „Der Kuss von Mary Pickford“ aus dem Jahr 1927: Um diese Aufnahmen herum entwarf der Regisseur Sergej Komarow die filmische Farce Bild: ZDF

Wer kennt „Meschrapbom-Film“, die deutsch-russische Kooperative, die 1923 bis 1937 über 500 Filme produzierte? Dank Berlinale und Arte wissen wir mehr und werden zur „Die rote Traumfabrik“ verwiesen.

          So viel Porzellan dürfte in der gesamten Filmgeschichte kein zweites Mal zerschlagen worden sein. Die es zerschlagen, sind protestierende Arbeiterinnen einer zaristischen Geschirrmanufaktur - und als Komparsen zugleich Kunstfiguren im Spielfilm „Grunja Kornakowa“. 1935 hat ihn der Regisseur Nikolai Ekk in Moskau gedreht, 1936 wurde er in der Sowjetunion erstmals öffentlich gezeigt. Jenseits allen Porzellans hat „Grunja Kornakowa“ aber vor allem deshalb Epoche gemacht und Geschichte geschrieben, weil er der erste abendfüllende russische Kinofilm in Farbe war - nur ein Jahr nachdem Hollywood mit dem Historienepos „Becky Sharp“ die neue Ära eröffnet hatte.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          In die Annalen eingegangen ist Nikolai Ekk allerdings schon fünf Jahre zuvor mit dem ersten Tonfilm aus russischer Produktion: „Der Weg ins Leben“ zeigt die Umerziehung verwahrloster Jugendlicher zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft. Natürlich ist dies ein Film mit propagandistischer Botschaft, nicht minder jedoch der ästhetische Versuch, die neue, vor allem von Sergej Eisenstein geprägte Filmsprache nun eben nicht nur mit Bildern und Tönen, sondern ganz real auch mit Worten zu füllen.

          Filmisch festhalten bitte

          Beide, „Der Weg ins Leben“ wie „Grunja Kornakowa“, gehörten zu den Produktionen eines in seiner Entstehung unmittelbar auf Lenin zurückgehenden, bis zur Liquidierung durch Stalin im Juli 1936 aber durchgängig privatwirtschaftlich geführten Unternehmens: der Meschrabpom-Film, einer deutsch-russischen Kooperation aus kommunistischem Geist und kapitalistischer Gesinnung. Russischer Hauptakteur war der Produzent Moissej Alejnikow, den deutschen Part spielte Willi Münzenberg, der rote Presse- und Medienzar der Weimarer Republik.

          Er hatte Lenin 1916 im Zürcher Exil kennengelernt, agierte seit 1918 wieder in Berlin und gründete dort 1921 auf Lenins Ersuchen die Internationale Arbeiterhilfe, aus der sogleich auch Meschrabpom-Film hervorging, sah man es doch als eine wichtige Aufgabe an, die Notlage der Menschen etwa während der Hungerkatastrophe an der Wolga nicht nur zu lindern, sondern auch filmisch festzuhalten und zu dokumentieren. Der kurzen, aber höchst wirkungsmächtigen Geschichte von Meschrabpom, dem russischen Wort für Arbeiterhilfe, geht der Filmemacher Alexander Schwarz nun in seiner exzellenten Dokumentation „Die rote Traumfabrik“ nach. Sie ist zugleich ein Beitrag von ZDF und Arte zur Sonderreihe der aktuellen Berlinale, deren Retrospektive mehr als hundert Spiel- und Dokumentarfilme aus dem Meschrabpom-Fundus bietet.

          Der Sturm aufs Winterpalais stellte er mit Veteranen nach: Sergei M. Eisenstein drehte „Oktober“ zum zehnten Jahrestag der Revolution

          Vieles von dem, was man dieser Tage in Berlin in ganzer Länge und in aller kulturhistorischen Pracht aufs Neue sehen kann, zeigt „Die rote Traumfabrik“ in faszinierenden Ausschnitten und Archivsequenzen. Etwa den ersten sowjetischen Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1924: „Aelita - Der Flug zum Mars“, den Münzenberg mit grandiosem Erfolg umgehend auch in Deutschland einem großen Publikum präsentierte. Etwa die Komödie „Das Mädchen mit der Hutschachtel“ von 1927, mit der Boris Barnet, der die Hauptrolle spielte, nicht nur in seiner Heimat zum Star wurde. Nicht zuletzt auch „Der Kuss der Mary Pickford“ von 1927, ein Film, für den dem Regisseur Sergej Komarow das Kunststück gelang, den gerade in Moskau zu Besuch weilenden Hollywoodstar auch gleich vor die Kamera zu holen.

          Alexander Schwarz vergisst über solchen Archivpreziosen weder filmhistorische Erläuterungen noch politische und soziale Analysen etwa über den Kultur- und Techniktransfer zwischen Berlin und Moskau oder über die sowjetische Filmpolitik bis zum Hitler-Stalin-Pakt - und er fügt seiner opulenten Rückschau auch einen Ausblick auf die ganz aktuelle Situation der Moskauer Filmindustrie hinzu. Derart belehrt, sollte man in Anschluss gleich Eisensteins „Oktober 1917“ anschauen - auch wenn dieses Revolutionsepos ausnahmsweise nicht von Meschrabpom, sondern vom sowjetischen Staatsfilm produziert wurde. Seiner wuchtigen Klassizität tut das keinen Abbruch.

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