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Deutsch-Russische Beziehungen : Vom deutschen Pathos der Kultur lernen

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Das Lächeln wirkt ein wenig gezwungen: Mit der Eröffnung der Petersburger Bronzezeit-Ausstellung durch Präsident Putin und Bundeskanzlerin Merkel erlebte das russisch-deutsche Kulturjahr im Juni kurz vor Abschluss seinen letzten Höhepunkt Bild: AP

Nach dem deutsch-russischen Kulturjahr: Fünf russische Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler wissen, was unsere Länder einander geben können.

          10 Min.

          Viktor Jerofejew: Beziehung mit Tiefenverständnis

          Meinen Namen Viktor, der Sieger, habe ich von meinen Eltern zu Ehren des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland bekommen. In meiner Jugend war Deutschland für mich vor allem ein Transitland, wo ich auf dem Weg nach Frankreich oder nach Amerika haltmachte. Inzwischen aber ist mein Verhältnis zu ihm außerordentlich eng geworden. Nirgends finde ich so aufmerksame, ernste Leser wie in Deutschland. Die Deutschen scheinen, im Unterschied zu fast allen andern Europäern, keine Allergie gegen Vertreter fremder Kulturen zu haben wie zum Beispiel mich. Sie reagieren nicht unmittelbar emotional auf einen, sondern hören erst einmal zu und bilden sich dann ein Urteil. In Deutschland kann ich fast in jeder Zeitung schreiben, was in Frankreich oder Großbritannien undenkbar wäre. Die deutsche Kultur ist offen und elastisch und dadurch attraktiv. Sie verlangt von einem Fremden nicht, die eigene Kultur an der Garderobe abzugeben. Deswegen fühlt man sich als Russe in Deutschland fast zu Hause.

          Bei uns gibt es die Redensart, dass die Emigration erst an der französischen Grenze beginne. Die Bedeutung des Verhältnisses zu Deutschland wird in Russland aber auch, gerade weil es so eng ist, leicht unterschätzt. Im vorrevolutionären Russland ersetzten die Deutschen bei uns ganze Berufsgruppen, die wir nicht hatten. Apotheker, Wissenschaftler, Bierbrauer, Lehrer wurden nicht nach ihrer eigenen Nationalität bezeichnet, sondern nur aus unserer Sicht, weil sie nicht Russisch sprachen, „Nemzy“, die Stummen, genannt.

          Viktor Jerofejew

          Heute werden wir von Deutschland sicher auch deswegen am besten verstanden, weil die nationalsozialistische Vergangenheit und der Umgang mit ihr dort zum historischen Horizont gehören. Die Hoffnung der Deutschen freilich, dass auch Russland mit seiner Vergangenheit ins Gericht geht, hat sich nicht erfüllt. „Demokratie“ ist in Russland kaum mehr als ein Geräusch. Weswegen der deutsche Präsident Joachim Gauck die rechtsstaatlichen Defizite Russlands erst unlängst deutlich tadelte. Für uns sind das verantwortungsvolle Denken der Deutschen wichtig und die Ansprüche, die sie an sich selbst stellen. Nirgends außer vielleicht in Iran, werden meine Bücher mit so viel Tiefenverständnis übersetzt wie in Deutschland. Als Gegengabe haben wir vor allem Kreativität zu bieten, und das ist wichtiger, als es die politischen Spiele des Tages sind.

          Viktor Jerofejew, Jahrgang 1947, ist Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch die Essaysammlung „Russische Apokalypse“.

          ***

          Wladimir Tarnopolski: Späte Konvergenz der Systeme

          Mein Verhältnis zu Deutschland ist wie das jedes Musikers von der deutschen Musik geprägt. Darüber hinaus begeisterte ich mich seit frühester Jugend für die Malerei der deutschen Renaissance. Mich faszinierte das so unterschiedliche Schönheitsempfinden bei Italienern und Deutschen. Während jene das von allen irdischen Unvollkommenheiten möglichst gereinigte Ideal anstrebten, vergegenwärtigten diese mit jedem Nagel, der die Hand des Heilands durchbohrt, jeder Falte, jeder Warze im Gesicht des Porträtierten gerade die Schönheit der Unvollkommenheit unserer Welt. Diese fundamentalen Unterschiede der romanischen und germanischen Kultur sind übrigens, wie mir scheint, in Werken der Gegenwartskunst genauso deutlich spürbar wie in solchen von vor sechshundert Jahren.

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