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Ausstellung in Eremitage : Bronze, Stein und Eisen spricht

  • -Aktualisiert am

Die „Eisenzeit“ ist auch unsere Gegenwart: Die Petersburger Eremitage zeigt archäologische Schätze aus der Frühzeit Europas, darunter Beutekunst aus Berlin.

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          Die Eröffnung der neuesten Beutekunstausstellung in Russland fand unter Quarantänebedingungen in geradezu mystischem Zwielicht statt. Im fensterlosen Gewölbe der Manege in der Petersburger Eremitage, die seit einigen Jahren für Sonderschauen genutzt wird, begrüßte der Direktor des Hauses Michail Piotrowski das fast nur online anwesende Publikum zum dritten von russischen und deutschen Museen gemeinsam erarbeiteten Archäologieprojekt, das nach den Ausstellungen über die Merowinger 2007 und die Bronzezeit 2013 unter dem Titel „Eisenzeit“ die Trilogie über das frühe „Europa ohne Grenzen“ abschließt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jetzt, da infolge von Covid-19 die Grenzen für Menschen praktisch unüberwindbar sind, ist Piotrowski das Motto „ohne Grenzen“ umso wichtiger. Denn reisen konnten dafür die Exponate, die die Kultur Europas von Andalusien bis zum Ural symbolisch verklammern. Museen überwänden politische wie bürokratische Konflikte und jetzt auch das Pandemiediktat, erklärte Piotrowski, sie seien die beste Medizin gegen Hysterie und Phobien. Deswegen werde der Eintritt zu dieser Schau von 1600 Objekten, von denen die Hälfte als Kriegstrophäen nach Russland kam, für Besucher gratis sein.

          Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger, der auch als Vizevorsitzender des Petersburger Dialogs die deutsch-russische Kooperation entscheidend mitträgt, war per Video zugeschaltet. Parzinger, zu dessen Sprengel das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte (MVF) gehört, dem rechtmäßigen Eigentümer der Beutebestände, freute sich, dass aus der Hinterlassenschaft der finsteren Weltkriegsepoche eine fruchtbare wissenschaftliche und museale Zusammenarbeit erwachsen ist. Tatsächlich schickte das MVF eigene Schätze nach Petersburg, die mit den „kriegsbedingt verlagerten“ für die Dauer der Ausstellung wieder zusammengeführt wurden.

          Deutscher Anspruch auf Exponate bleibt bestehen

          Und den prachtvollen, siebenhundert Seiten starken zweisprachigen Katalog, der mit Unterstützung des Auswärtigen Amts produziert wurde, lobte Parzinger als Standardwerk, das sowohl Forscher wie Laien anspreche. Immerhin erinnerte die Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, in ihrem darin abgedruckten Grußwort daran, dass das 1998 verabschiedete russische Gesetz, das die sowjetischen Kunstbeutezüge für rechtmäßig und die Trophäen zum nationalen Besitz erklärt, völkerrechtswidrig sei. Grütters bekräftigt den deutschen Anspruch auf ihre Rückgabe.

          Die „Eisenzeit“-Schau ist ein Höhepunkt des deutschen Kulturjahres in Russland, das im September, wegen der Reisebeschränkungen fast unbemerkt, begann. Dass die versammelten Denkmäler nur einige Schwerter, Dolche, Streitäxte und Schilde sowie Pferdegeschirrteile aus Eisen, aber umso mehr Arbeiten aus Bronze, außerdem aus Gold und Silber sowie aus Keramik umfassen, irritiert nur auf den ersten Blick. Denn gemeinsam veranschaulichen sie die Dynamik des ersten Jahrtausends vor Christus, als die Verhüttung von Eisen, dessen Härte, Elastizität und Verfügbarkeit sich der bis dahin gebräuchlichen Bronze als überlegen erwies, die Gesellschaften und Machtverhältnisse auf dem Kontinent umkrempelte.

          Der Einsatz von Schwarzmetall bei der Waffen- und Geräteherstellung kennzeichnete die italische Villanova- und die mitteleuropäische Hallstattkultur, die Kelten, die reiternomadischen Skythen und Sarmaten der Schwarzmeer-Region sowie die glanzvolle Kobankultur im Kaukasus. Die Ausstellung zeigt, dass diese Gesellschaften innerlich einen Komplexitätsschub durchmachten, aber auch untereinander durch kriegerische Konflikte und Handelsbeziehungen in innovationsträchtigem Austausch standen.

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