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Deutsch-israelische Literaturtage : Nester der Dämonen

  • -Aktualisiert am

„Beziehungsweise(n)“: Podium und Publikum bei den deutsch-israelischen Literaturtagen 2012 Bild: Stephan Röhl/Heinrich-Böll-Stiftung

Dort der Kinderreichtum als Bürgerpflicht, hier nur das Gewissen als Verpflichtung: Die deutsch-israelischen Literaturtage in Berlin waren völlig auf Familie und Beziehung eingestellt - ohne Ausnahme.

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          Stell dir vor, Günter Grass schreibt ein Gedicht - und keiner redet davon. Fünf Tage lang wurden bei den deutsch-israelischen Literaturtagen in Berlin Schriftsteller in bilateralen Paarungen präsentiert. „Beziehungs(weisen)“, so der etwas betuliche Aufhänger der von Heinrich-Böll-Stiftung und Goethe-Institut organisierten Veranstaltung, in der es um Familienpolitik, Fernbeziehung, Kinderwunsch und Staatsräson ging, um alles also, was Schriftsteller beider Länder derzeit beschäftigt. Die plumpen Verszeilen eines deutschen Wutlyrikers („Was gesagt werden muss“) gehörten nicht dazu. Es schien den israelischen Gästen zwar nicht ganz koscher, aber doch irgendwie Wurst zu sein. Ist es nun ein Zeichen von politischer Harmlosigkeit oder von künstlerischer Souveränität?

          Entscheidet man sich für die zweite Erklärungsvariante, wird man dieses Treffen als Familienfest in Erinnerung behalten. Lizzie Doron, die 1953 in Tel Aviv geborene Tochter einer polnischen Holocaustüberlebenden, berichtete von den Recherchen zu ihrem fünften Buch. War sie zuletzt mit der Biographie ihrer Mutter beschäftigt gewesen, die der Tochter ihr europäisches Vorleben - einen Ehemann und aus dieser Ehe stammende Kinder - verschwiegen hatte, geht es im aktuell erschienenen Roman um den verschollenen Vater. Eine befreundete Journalistin habe für sie eine Liste mit möglichen Kandidaten zusammengestellt, doch der Mann, den Doron schließlich in Deutschland aufspürte, um ihn als möglichen Bruder anzusprechen, wies sie schroff zurück. Seit Jahren erhalte er Anrufe von angeblichen Verwandten aus Israel. Das interessiere ihn aber alles nicht, man solle ihn doch künftig mit solchen Verwegenheiten in Ruhe lassen. Ein Steinbruch für autobiographische Experimente!

          Abkehr vom Ideal der romantischen Liebe

          Immer wieder hatte Doron sich in Besänftigungsabsicht mit den Dämonen der Shoa-Überlebenden beschäftigt. Doch Dämonen nisten sich gerne im Kernbereich der Familie ein und lassen auch die Institutionen der dritten und vierten Generation nicht unberührt. Familienpolitik in Israel ist deshalb auch heute noch Teil der Vergangenheitsbewältigung. „Wir haben sechs Millionen Juden verloren“, fasste Lizzie Doron das Dilemma des vom Kollektiv gehaltenen Einzelnen zusammen, „also müssen wir jetzt sechs Millionen neue produzieren.“ Insofern ist Kinderreichtum in Israel kein Privatvergnügen, sondern Bürgerpflicht. Die israelische Gesellschaft habe den Auftrag, „die Proportionen“ wieder herzustellen. Man habe sich also bewusst gegen das Ideal der romantischen Liebe entschieden. In Deutschland sei es genau anders herum gewesen. Man wollte nach dem Krieg keine Deutschen mehr zu einem Volkskörper verschmelzen. In Zahlen ausgedrückt: Israelische Frauen bekommen 3,5 Kinder im Durchschnitt, deutsche nur 1,35.

          Es ist schwer, sich in Israel - abgesehen von ein paar ausschweifenden Lebensstilblüten in Tel Aviv - als kinderlose Frau zu positionieren. Das bestätige auch die aus einer irakisch-syrischen Einwandererfamilie stammende Autorin Sara Shilo. Die jiddische Mamme befände sich dennoch auf dem Rückzug und eine neuartige Väterbewegung auf dem Vormarsch. Letzteres hörte ihr literarischer Tandem-Partner Thomas Hettche gern. Passend zur Gesetzesnovelle, die in Trennungsfällen die Rechte der Väter stärken sollte, war 2010 sein Roman „Die Liebe der Väter“ erschienen. Unterschiedlicher konnten die Perspektiven auf das, was zum Familienkomplex gesagt werden muss, kaum sein. Und dennoch gab es eine Gemeinsamkeit: Sowohl der Zwang zur Reproduktion als auch das Entbinden von dieser Pflicht machten das Thema zum diskursiven Dauerbrenner.

          Fast erleichtert war man da, als zwei politische Autoren in den Familienkreis aufgenommen wurden: Dirk Kurbjuweit und Amichai Shalev. Beide waren mit Romanen vertreten, die von Erfahrungen junger Soldaten in der Armee handeln. Mit seiner „Kriegsbraut“ hatte der ehemalige Leiter des Berliner „Spiegel“-Büros den deutschen Hindukusch-Einsatz aus der Perspektive einer Frau beschrieben.

          Man hätte gerne mehr über diese Soldatin erfahren oder über das neue Romanprojekt „Angst“, in dem es um das Leben mit einem Stalker gehen soll, aber Gastgeber Bernd Zabel zog es vor, selbst so quälend langatmig zu moderieren, dass Kurbjuweit seinen kurzen Auftritt wohl eher als Pflichtübung verbuchen dürfte. Wie es den deutschen Soldaten nach dem Einsatz ergangen sei, sollte er berichten, als sei er der behandelnde Truppenarzt. So richtig gut, antwortete Kurbjuweit, gehe es nach einem Krieg wohl niemandem. Dann fügte er nachdenklich hinzu: „Außer vielleicht Ernst Jünger.“ Jetzt wäre „Was gesagt werden muss“, wie hier gesagt werden soll, natürlich doch wieder ein Thema gewesen. Aber über Grass war inzwischen Gras gewachsen.

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