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Deutsch-französisches Verhältnis : Man hat sich auseinandergelebt

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Der Historiker als Intellektueller und Verlagsmann: Pierre Nora in seinem Büro im Hause Gallimard Bild: Garrault/Le Figaro Magazine/laif

Lässt sich dem recht bescheiden gewordenen kulturellen Austausch zwischen Frankreich und Deutschland aufhelfen? Der prominente Historiker Pierre Nora bleibt skeptisch.

          Pierre Nora, das deutsch-französische Paar durchlebt gegenwärtig eine schwierige Phase, trotz beständigen Lächelns und der gegenseitigen Umarmungen führender Politiker. In Wirklichkeit scheint die deutsch-französische Verständigung auf einer recht fragilen Grundlage zu stehen. Wie erklären Sie sich das?

          In erster Linie durch wachsende Kommunikationsschwierigkeiten. Die Grundlage einer Beziehung ist eine gemeinsame Sprache, und ich irre mich wohl nicht, wenn ich behaupte, dass immer weniger junge Franzosen Deutsch lernen und immer mehr sich stattdessen für das Spanische oder Chinesische entscheiden. Ich nehme an, in Deutschland ergeht es der französischen Sprache ganz ähnlich. Französisch und Deutsch lassen sich nicht improvisieren. Man kann darin nicht radebrechen, wie es im Englischen möglich ist, zumindest in einem schlechten, in drei Monaten zu erlernenden Englisch. Ich glaube, diese sprachliche Distanz hat symbolische Bedeutung. Diese Entfernung drückt etwas aus: Ohne sprachliche Annäherung kann man Nähe oder intime Kenntnis nicht verstärken und nicht einmal ernsthaft angehen.

          Wie steht es um die kulturellen Eliten und die akademischen Kreise? Sind hier dieselben Defizite in der deutsch-französischen Integration zu beobachten?

          Leider ja. Ich habe in den letzten Jahren keinerlei Annäherung feststellen können. Weder auf kulturellem noch auf intellektuellem Gebiet und auch nicht im Bereich der Universitäten. Es fehlt an Mittlern, und den wenigen, die es gibt, stutzt man die Flügel, indem man ihnen das Budget zusammenstreicht. So wie im Fall des Centre Marc Bloch in Berlin, eines der wichtigsten Zentren des intellektuellen Austauschs zwischen beiden Ländern, wo über die deutschen Erinnerungsorte diskutiert wurde. Ein weiterer exemplarischer Bereich ist die Philosophie. In Frankreich sind die deutschen Philosophen - von jeher Leitfiguren des nationalen Bewusstseins - weitgehend unbekannt, einmal abgesehen von Habermas und Sloterdijk, die nicht mehr ganz jung sind. Selbst ein Soziologe wie Ulrich Beck, der in den angelsächsischen Ländern recht bekannt ist, findet in Frankreich nicht wirklich Anerkennung. Was mich betrifft, so habe ich das Gefühl, dass mir die deutsche Kultur relativ fremd ist. In meinem Fall hat das wahrscheinlich mit der Generation zu tun, der ich angehöre, und auch mit dem schweren Erbe des Krieges. Das ist bedauerlich und, wie ich gern zugebe, vielleicht sogar blamabel, aber es ist so. Ganz allgemein glaube ich, die Zeit ist in kultureller und geistiger Hinsicht nicht sonderlich fruchtbar in unseren beiden Ländern.

          Sie meinen also, dass es nicht gelungen ist, eine gemeinsame französisch-deutsche Kultur zu schaffen. Wie erklären Sie sich dieses Scheitern?

          Als nach dem Krieg der Wille bestand, den Nazismus auszulöschen, gab es eine deutsch-französische Annäherung, das ist unbestreitbar. Europa war damals eine unabweisbare Notwendigkeit. Doch dieses Europa ist letztlich sehr abstrakt geblieben - außer für Geschäftsleute und Juristen. Zu dieser Zeit gab es ein Miteinander. In der Folgezeit verlangsamte sich der Integrationsprozess. Heute scheint mir - und das ist gravierend und besorgniserregend - der Wille zur Abgrenzung beider Nationen stärker zu sein als der Wille zur Annäherung.

          Was sind die Gründe für diese zunehmende Distanz?

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