https://www.faz.net/-gqz-6xqq4

Deutsch-französisches Verhältnis : Man hat sich auseinandergelebt

  • Aktualisiert am

Das ist schwer zu sagen, denn wir erleben heute eine Renationalisierung aller europäischen Kulturen. Vor allem deshalb, weil die großen ideologischen Themen verschwunden sind, die einst grenzüberschreitende Bedeutung besaßen. Bis zum Fall der Mauer gab es große intellektuelle Gemeinschaften, die zwar ihre nationalen Besonderheiten hatten, aber letztlich doch transnationale Gemeinschaften waren, weil sie sich einer großen gemeinsamen Sache verpflichtet fühlten. Der kulturelle Austausch innerhalb der großen linken, marxistischen oder liberalen Familie war intensiver. Europa und die einzelnen europäischen Nationen bildeten gleichsam eine Schicksalsgemeinschaft, die vor sehr ähnlichen Problemen stand. Seit zwanzig Jahren und vor allem in letzter Zeit erleben wir, dass die verschiedenen Kulturen sich auf ihren nationalen Raum zurückziehen.

Und zwischen Frankreich und Deutschland?

Der Krieg bildete die gemeinsame Grundlage. Doch mit der Zeit und trotz des politischen Willens in Paris und Bonn, später dann Berlin wurden die Probleme renationalisiert. Deutschland brauchte sich nicht der Dekolonisierung zu stellen. Frankreich und Deutschland erlebten die trente glorieuses, die „glorreichen drei Jahrzehnte" nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, und mehr noch die darauf folgende Zeit ganz verschieden. In Frankreich markierte das Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit eine bedeutsame Wende im kollektiven Bewusstsein, den Abschluss einer Phase uralter Stabilität, das endgültige Ende all dessen, was vom christlichen, mittelalterlichen, ländlich geprägten Frankreich noch lebendig war. Ab der Mitte der siebziger Jahre wechselte das Land von einem traditionellen zu einem neuen Modell der Nation. Nach dem Solschenizyn-Effekt und mehr noch nach 1989 führte das Ende der Revolutionsidee in Frankreich zu allen erdenklichen Formen einer erneuten Anknüpfung an die nationale Vergangenheit. In Deutschland machte sich die Krise der siebziger Jahre nicht so stark bemerkbar. Im Gefolge des Ölschocks entfernte sich die deutsche Wirtschaft von der französischen. Und vor allem musste Deutschland später dann mit der Wiedervereinigung fertig werden, einem Ereignis, das für den gesamten Kontinent beträchtliche Bedeutung besaß, aber das Land von seinem französischen Partner der Nachkriegszeit entfernte. So kam es denn auch in Deutschland nach 1990 zu einer Renationalisierung der Politik und der Debatten. Insgesamt sorgte jede historische Erschütterung dafür, dass die beiden Partner sich voneinander entfernten. Beide konzentrierten sich auf stärker national ausgerichtete Ziele, die Bevölkerungen, zwischen denen es nie zu einer wirklichen Annäherung gekommen war, entfernten sich gleichfalls voneinander - und niemals entstand zwischen ihnen ein gemeinsames Denken.

Aber in Europa und vor allem in Deutschland und Frankreich gibt es doch trotzdem eine gemeinsame Grundlage, eine seit mehreren Jahrhunderten bestehende gemeinsame Zivilisation. 

Sicher, aber auch diese gemeinsame Zivilisation befindet sich in einer Krise. Die humanistische Kultur - Latein, Griechisch, Geschichte, Philosophie, Sprachen - ist am Ende. Sie einte einst die europäischen Eliten, aber sie ist im Verschwinden begriffen. In Frankreich, in Deutschland und im übrigen Europa. All das hat zur Zersplitterung der kulturellen Landschaft Europas geführt. Es gibt viele lokale und nationale Erfolge, aber es gibt keine europäische Öffentlichkeit, weil eine echte, von der Mehrzahl der Europäer geteilte Wertegemeinschaft fehlt. Die hochgradige Spezialisierung trägt gleichfalls dazu bei. Die "Spezialisten" sind immer weniger in der Lage, ihre Erkenntnisse allgemeinverständlich darzustellen. Die Wissenschaft verliert den Zugang zum breiteren Publikum, weil ihr eine gewisse Grammatik des Geistes fehlt, die einst von der humanistischen Bildung bereitgestellt wurde.

Pierre Nora, Jahrgang 1931, ist Historiker, einflussreicher Reihenherausgeber auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften und Herausgeber der Zeitschrift „Le débat". Seit 2001 ist er Mitglied der Académie française. Zuletzt erschienen Aufsätze, „Présent, nation, mémoire", und ein Sammelband, der Noras intellektuellen Weg vor Augen führt: „Historien public" (beide bei Gallimard).

Weitere Themen

Das beste Mittel, um den Tod zu besiegen

Hans Hartung in Paris : Das beste Mittel, um den Tod zu besiegen

Das frisch renovierte Pariser Museum für moderne Kunst zeigt die bislang größte Retrospektive von Hans Hartung. Wie ausschlaggebend das Licht für den 1904 geborenen Maler gewesen ist, wird in dieser Ausstellung bewusst.

Die Lunge im Kirchenfenster Video-Seite öffnen

Göttlicher Odem : Die Lunge im Kirchenfenster

Ein katholisches Gotteshaus in München brauchte neue Glasfenster. Zum Zug kam ein Künstler, der ein Stück Medizinalltag in ein Symbol für Leben und Vergänglichkeit verwandelte.

Topmeldungen

Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.
Regula Rytz, Präsidentin der Grünen Partei, wirft ihren Wahlzettel in eine Wahlurne.

SVP bleibt stärkste Kraft : Grüne legen bei Schweizer Parlamentswahl deutlich zu

Bei der Parlamentswahl in der Schweiz gab es Verschiebungen: Die rechtskonservative SVP bleibt zwar stärkste Kraft, konnte aber nicht mehr so gut punkten. Den größten Zuwachs verzeichnen die Grünen – in die Landesregierung schaffen sie es jedoch nicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.