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Deutsch-französisches Verhältnis : Man hat sich auseinandergelebt

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Die Übersetzungs- und Kommunikationsschwierigkeiten, von denen schon die Rede war. Es gibt auch strukturelle Gründe, vor allem die Art und Weise, wie das geistige Leben in Frankreich und Deutschland strukturiert ist. Deutschland, das Reich der vollkommenen Dezentralisierung, gewährt den Universitäten eine weit größere Autonomie, als die französischen Hochschulen sie besitzen. Aber sie entwickeln sich in einem relativ abgeschotteten Raum. In Frankreich ist es genau umgekehrt, dort ist alles zentralisiert, und die Intellektuellen stehen in ständigem Kontakt mit den Medien und der Politik. In Deutschland gibt es zu wenig Staat, in Frankreich dagegen zu viel. Diese strukturellen Unterschiede erleichtern nicht gerade die Annäherung der intellektuellen und akademischen Eliten beider Länder. Aber wichtiger noch ist die Tatsache, dass der kulturelle Austausch auf der Stelle tritt, weil es nicht mehr sonderlich viel auszutauschen gibt. Was könnte das heutige Frankreich denn auf intellektuellem Gebiet exportieren außer einem gewissen Houellebecqschen Unbehagen? Die Zeiten großer kultureller Gärung in Frankreich sind längst Vergangenheit: die Zeit nach 1789, die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg - man denke an den Surrealismus der zwanziger Jahre -, die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und die Dekolonisierung. Also alles Zeiten, die auf große historische Erschütterungen folgten. Selbst die fruchtbare Zeit der „French Theory"und die der Annales-Schule Fernand Braudels ist vorbei. Letztlich ist das ganz einfach: Wenn Sie nichts zu exportieren haben, gibt es auch nichts auszutauschen.

Sie gehen nicht gerade freundlich mit der französischen Kultur um.

Ja, und ich gebe zu, das ist etwas ungerecht, denn im Grunde betrifft diese Erscheinung die gesamte westliche Welt und vor allem die Vereinigten Staaten. In meiner Jugend badeten wir in der Kultur und Mythologie, der Literatur, dem Kino, der Soziologie Amerikas. Heute kommt aus Amerika nicht mehr viel, abgesehen von immer mehr Massenkultur.

Wie erklären Sie sich eine solche Entwicklung?

In den letzten Jahrzehnten haben wir eine Verlagerung der Kultur auf andere Gebiete erlebt, insbesondere auf Unterhaltung und profitable Branchen. Man verachtet Intellektuelle und Künstler zunehmend, weil ihre Arbeit, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, nichts oder nur wenig einbringt. Der Erfindungsgeist hat sich auf die Schöpfung von Werten verlagert oder auf das Geldverdienen, wenn Sie so wollen. Der Aufstieg des Individualismus ist eine logische Folge der Ideologie der Menschenrechte. Die Gegenwart ist wichtiger als Vergangenheit und Zukunft, das Individuum will den unverzüglichen Genuss und glaubt, ein Recht auf ihn zu haben. Ein Buch zu schreiben erscheint heute ein wenig verrückt, wenn man bedenkt, wie viel Zeit man dafür braucht und wie wenig diese Arbeit dem Autor einbringt. Unsere Gesellschaften verdammen oder verachten solche Tätigkeiten inzwischen. Statt einen Roman zu schreiben, sollte man besser Geld verdienen. Die Gesellschaft drängt uns, möglichst viel Geld zu verdienen. Man wird heute nach dem Gehaltszettel beurteilt. Alles muss sich rentieren, vor allem auch das Bildungssystem, das sehr teuer ist und die Pflicht hat, produktive Individuen hervorzubringen.

Kommen wir auf das deutsch-französische Paar" zurück. Wie könnte man wieder eine kulturelle Dynamik zwischen beiden Ländern hervorbringen?

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