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Deutsch als Wissenschaftssprache : Sprachfreies Denken gibt es nicht

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Die Wissenschaft spricht Englisch. Nicht immer liegt darin Orientierungsgewinn. Bild: ddp

Die Wissenschaft verständigt sich auf Englisch, oft mehr schlecht als recht. Die übrigen Sprachen, die im wissenschaftlichen Diskurs nicht mehr gepflegt werden, verarmen. Eignet sich Deutsch dann noch als Wissenschaftssprache? Was ginge verloren, wenn dem nicht mehr so wäre?, fragt Helmut Glück.

          Die Spitzenforschung spricht Englisch, erklärte 1986 Hubert Markl, ein Naturwissenschaftler und Wissenschaftspolitiker. Inzwischen ist das auch in der Breitenforschung so, will man die Metapher aus der Welt des Sports aufgreifen: Auch in den unteren Rängen, selbst auf den Abstiegsplätzen, hat sich in vielen Fächern das Englische durchgesetzt. Wenn aber die gesamte Forschung Englisch spricht und schreibt, verdienen dann Forschungen noch ihren Namen, die auf Deutsch, Französisch oder gar Tschechisch publiziert werden? Kann solche Forschung mehr sein als provinziell oder „angewandt“? Soll man andere Sprachen als das Englische beim Vermitteln von Forschungsresultaten an Schüler und Studenten überhaupt noch verwenden? Ist das Deutsche, wie Günther Oettinger meinte, für die einheimischen Eliten nur noch eine „Feierabendsprache“, die sie zu Hause mit den Kindern und beim Schwätzchen über den Gartenzaun verwenden, sonst aber nicht?

          Der Vorzug einer weltumspannenden Wissenschaftssprache liegt darin, dass die Sprachbarriere zwischen den Wissenschaftskulturen der Nationen wegfällt. Der chinesische Biochemiker kann sich direkt mit dem argentinischen Kollegen verständigen, der schwedische Astronom direkt mit dem ägyptischen. Dieser Vorteil wird außerhalb der anglophonen Länder dadurch erkauft, dass Wissenschaft in einer fremden Sprache betrieben werden muss. Viele glauben, das sei kein Problem. Das ist im Kleinen richtig: Die Verständigung im Labor, in der Arbeitsgruppe funktioniert so, die Mitteilung aktueller Arbeitsergebnisse im Internet oder in der Fachzeitschrift geht im spezialisierten Schrumpfenglisch des einzelnen Faches am raschesten. Je kleinteiliger die Forschung, umso überschaubarer die „community“, in der sie sich austauscht.

          Wer nicht englisch publiziert, verliert

          Der Vorteil des reibungslosen Austauschs hat allerdings Folgen. Wenn eine „community“ nur noch auf Englisch verkehrt, erleiden die dadurch ausgeschlossenen Sprachen Einbußen: Sie entwickeln keine neuen Terminologien mehr. Das führt dazu, dass man dort in diesen Sprachen nicht mehr forschen kann. Wenn sie terminologisch nicht weiterentwickelt werden, taugen sie nicht mehr als Wissenschaftssprachen. Deshalb unterhalten manche Fächer Terminologieausschüsse, die ihre Fachsprache auf Deutsch funktionsfähig halten soll, etwa die deutschen Chemiker.

          In anderen Fächern hält man das für überflüssig. Viele deutsche Fachzeitschriften publizieren nur noch auf Englisch. Wissenschaftsfördernde Einrichtungen, auch in Deutschland, lassen in einigen Fächern nur Anträge zu, die auf Englisch abgefasst sind. Die Bundesregierungen fördern diese Entwicklung, indem sie, etwa über den Deutschen Akademischen Austauschdienst, die Universitäten „internationalisieren“. Was heißt das? Das Englische wird als Sprache der Lehre aktiv gefördert, der drohende fachliche Niveauverlust wird in Kauf genommen. Amerikanische Zitierindizes tun ein Übriges: Forschungsergebnisse, die nicht auf Englisch publiziert sind, werden dort konsequent ignoriert. Lehrbücher und Überblicksdarstellungen in deutscher Sprache sind in manchen Fächern rar geworden. Auf vielen Fachkongressen in Deutschland sind andere Sprachen als das Englische nicht zugelassen.

          Vielsprachigkeit als Ballast?

          Internationalisierung der Wissenschaften bedeutet ihre Anglisierung, ihre Reduktion auf eine einzige Sprache. Insoweit stehen sie dem europäischen Modell der (wenigstens rezeptiven) Mehrsprachigkeit entgegen. Der herkömmliche Begriff der Bildung umfasst in Europa Kenntnisse der Schulsprachen. Das Drei-Sprachen-Abitur ist eine Grundlage unseres bürgerlichen Bildungskonzepts. Die Anglisierung der Wissenschaften lässt Bemühungen um die Kenntnis anderer Sprachen als Ballast erscheinen. Sie gefährdet eine Tradition, auf der das geistige Leben des Landes beruht.

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