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Designer-Babys : Kinder als Mittel zum Erwachsenenzweck

  • -Aktualisiert am

Ebnet die PID den Weg zur weiteren Instrumentalisierung des Kindes? Bild: dapd

Ist es legitim, wenn Eltern Kinder nach genetischen Kriterien auswählen, um ein Geschwisterkind zu retten? Die Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik werden die Grenze zur Instrumentalisierung des Kindes hier weiter senken.

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          Die Debatte über die Zulässigkeit der Präimplantationsdiagnostik prägt irritierende Begriffe. „Rettungsgeschwisterkind“ ist so einer, „Designer-Baby“ ein anderer. Wäre der jetzt geborene Umut-Talha (siehe auch Sein Name sei Hoffnung: Frankreich streitet über ein neues Retortenbaby), der mit beiden Begriffen etikettiert wird, das eine oder das andere, fiele eine ethische Bewertung seiner Zeugung vermutlich leicht: Ein Kind durch gezielten Eingriff (wohl in das Erbgut) so zu gestalten, dass es bestimmte Eigenschaften hat, wäre nicht nur gefährlich, weil die Manipulationen unabsehbare Folgen haben könnten, es wäre auch verwerflich, weil sich Menschen anmaßten, einen anderen Menschen zu entwerfen. Dass das möglicherweise in bester Absicht geschähe, nämlich um dessen Geschwisterkind retten zu können, würde es nicht besser machen, sondern möglicherweise schlimmer: Das Designer-Baby würde als ein Mittel zu einem ihm äußerlichen Zweck geschaffen worden sein.

          Umut-Talha ist aber kein Designer-Baby. Seine genetischen Eigenschaften sind so zufällig wie die seines Bruders und die anderer von seinen Eltern mit Hilfe der IVF erzeugten Embryonen, die nicht in den Mutterleib eingesetzt wurden. Als Embryo hat er aber das Glück gehabt, aus einer Gruppe mit Hilfe der PID ausgesucht worden zu sein, denn er hatte eine Eigenschaft, die Anlage für die Erbkrankheit Beta-Thalassämie, nicht; gleichzeitig hat ihn eine HLA-Typisierung als geeigneten Stammzell- und Knochenmark-Spender für seinen an dieser Krankheit leidenden Bruder ausgewiesen. Dieser Selektion verdankt Umut-Talha vielleicht sein Leben – „vielleicht“, denn es ist nicht auszuschließen, dass er auch gezeugt worden wäre, wenn die PID nicht erlaubt gewesen wäre. Auch in diesem Fall hätten seine Eltern wohl die Hoffnung gehabt, er könnte gesund sein und seinem lebensbedrohlich erkrankten Bruder zu dessen Heilung Knochenmark spenden. Er wäre dann wohl getestet und als tauglicher Knochenmarkspender entdeckt worden.

          Keine zwangsläufige Aberkennung des Eigenwerts

          Macht es einen Unterschied, ob Eltern ein Kind auf die Welt bringen und hoffen, dass es ein Geschwisterkind retten kann, oder ob sie Tests durchführen und sich dann gezielt gerade für das Kind entscheiden, das Rettung bringen kann? Die Möglichkeiten der PID werden die Schwellen senken, sie werden dazu führen, dass Eltern schneller und leichter überhaupt auf die Idee kommen, ein Kind zu zeugen, das ein Geschwisterkind retten soll. Das Maß der Instrumentalisierung des dann zur Welt gebrachten Kindes hängt dagegen wohl in erster Linie von anderen Faktoren ab, zum Beispiel davon, welche Rolle das ältere Geschwisterkind spielt, das geheilt werden soll, vielleicht auch von den Veränderungen, die sich durch eine eventuell erfolgreiche Therapie in der Familie ergeben.

          Die Dynamik, die sich hier in der Familie ergibt, wird besonders intensiv sein, sie gibt sicher auch Anlass zu Bedenken – vergleichbar intensive Prozesse sind aber auch unter ganz anderen Vorzeichen feststellbar. Eine Auswahl nach genetischen Kriterien und zu einem bestimmten Zweck bedingt nicht zwangsläufig, dass der Eigenwert einer Person nicht respektiert wird, schließt nicht aus, dass ihr im sozialen Bereich große Entfaltungsmöglichkeiten zugestanden werden.

          Instrumentalisierung des Kindes

          Interessant ist allerdings die vorgelagerte, nur selten diskutierte Frage: Ist es überhaupt zulässig, dass ein Kind als Lebendspender von Geweben und Organen eingesetzt wird? Nach deutschem Recht liegt die Antwort nahe: Es handelt sich bei einem solchen Einsatz um ein fremdnütziges Vorgehen, das daher auch nicht dem Kindeswohl entspricht und damit unzulässig ist. Die medizinische Praxis hat sich an diese Sichtweise wohl nie gehalten und hat entsprechende Eingriffe, die nicht besonders riskant, aber auch nicht ungefährlich sind, mit Einwilligung der Sorgeberechtigten durchgeführt. Das 2007 neu gefasste Transplantationsgesetz geht in § 8a TPG einen ähnlich pragmatischen Weg: Die Entnahme von Knochenmark wird bei Minderjährigen für Verwandte ersten Grades und Geschwister gestattet, wenn damit eine lebensbedrohliche Krankheit geheilt werden kann und ein anderer Spender nicht zur Verfügung steht. Irritierenderweise soll allerdings § 1627 BGB beachtet, eine Einwilligung also nur erteilt werden, wenn das dem Wohl des Kindes entspricht, was bei fremdnützigen Eingriffen schwer vorstellbar ist.

          Bezeichnend für das ethische Zwielicht des § 8aTPG ist, dass – richtigerweise – eine entsprechende Ausnahmeregelung wie für Minderjährige für einwilligungsunfähige Erwachsene nicht getroffen wurde, mit dem bemerkenswerten Ergebnis, dass ein schwerbehindertes Kind bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr in rechtlicher Hinsicht als Knochenmarkspender für Geschwister und Verwandte ersten Grades in Betracht kommt, nach Erreichen der Volljährigkeit aber nicht mehr. Der Schutz von Kindern vor Instrumentalisierung auch ihres Körpers ist also weniger stark ausgeprägt als der von Menschen mit Behinderungen. Kinder dürfen also rechtlich Mittel sein, mit PID ein bisschen mehr; zum Zweck an sich werden sie frühestens als Erwachsene.

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