https://www.faz.net/-gqz-6pvu4

Design : Ready to Produce: Möbel aus den Studios von morgen

  • -Aktualisiert am

„Zwischenspeicher” von Gerhards & Glücker Bild: Gerhards & Glücker

Was auf der Möbelmesse in Köln brandneu ist, sieht man zum ersten Mal in einem eigenen Segment: "Spin off" - Möbel, fertig zur Produktion.

          2 Min.

          Die Skateboard- und Rollerblade-Generation, die mit dem Laptop unterm Arm in Netzgeschwindigkeit von Termin zu Termin hetzte, erinnert sich neuerdings der Langsamkeit: Wellness, Ausspannen, Nachdenken, Anhalten sind angesagt. Auch, wenn es nur ein paar Stunden sind, brauchen Körper und Geist geeignete Möbel dafür. Sie schmeicheln und laden zum Wohlfühlen ein.

          Auf der internationalen Möbelmesse in Köln stellen 23 ausgewählte Jungdesigner konkrete Ideen für ein individuelleres Leben zwischen Büro und Großraumwohnung vor. "Spin off" heißt das Motto, das die Veranstalter diesem jüngsten Messesegment gegeben haben. "Abgekoppelt" von den profitorientierten Zwängen der Möbelindustrie sind Prototypen zu sehen, die bis zur Produktionsreife getrieben wurden und nun auf die Ankoppelung in Form von Herstellerverträgen hoffen. Schließlich liefern die ausgewiesenen Produktdesigner und Architekten Entwürfe für die Industrie und nicht Einzelstücke im Kunstformat für Liebhaber.

          Gefühlspuffer

          Unter 150 Vorschlägen hat eine Fachjury, zu der unter anderen Dieter Pesch, Axel Kufus, Isabel Hamm und Sabine Voggenreiter gehörten, das ausgewählt, was an der Schwelle zwischen Produkt und Produktion vor einem großen Publikum Bestand haben kann.

          „Lounge Around” ist eine wandelbare Sitz-Bett-Decke, entworfen von der Wienerin Barbara Ambrosz.

          Barbara Ambrosz hat zum Beispiel einen Liegesitz entwickelt, den man nach dem Prinzip eines weichen Briefumschlages entweder zum Liegen und Schlafen oder zum Sitzen und Träumen falten kann. Unter dem Titel "Lounge around" will die 1972 in Wien geborene Produktdesignerin das entspannte Sitzen neu fassen und schlägt ein Ich-Mag-Dich-Möbel aus Loden und Latex vor.

          Sexy Filzpantoffeln für Dinge und Töne

          In diese Richtung weist auch eine mächtige Trennwand aus grauem Filz, ein "Zwischenspeicher", den Carsten Gerhards und Andreas Glücker als praktischen Raumteiler ersonnen haben. Das Berliner Architektenteam liebt die Ordnung, will aber auch abgeschirmte Intimität. In einem Großraumbüro oder im Industrie-Loft sorgt die strapazierfähige Textiloberfläche für akustische wie visuelle Diskretion.

          Der "Zwischenspeicher" hält nicht nur Stifte und Tageszeitungen, Schokoriegel, leckere Weinflaschen und wichtige Aktenordner für den Gebrauch ad hoc bereit, er schluckt auch Worte und Töne, die nicht an jedermans Ohr geraten sollen. Und wenn man in die weichen Laschen und Spalten greift, die Schlitze und Taschen untersucht, wird auch noch das versteckte erotische Potenzial dieser sinnlichen Schluckwand spürbar. Der "Zwischenspeicher" heißt übrigens mit zweitem Namen "Ichneumon", nach einer Wespenart, die sich im Körper anderer Insekten entwickelt. Die Schluckwand wurde im vergangenen Jahr mehrfach mit hohen Designerpreisen ausgezeichnet.

          Liege zur spirituellen Kommunikation

          Zum Sitzen lädt die Chaiselounge "Stonehenge" ein, die Benjamin Hopf aus drei ineinanderfließenden, elliptischen Grundkörpern entwickelt hat. Auch dieser erst 31-jährige Hamburger Designer will gemütlich Lümmeln und seinen Traumsitz in eine organische Wohnlandschaft einpassen, die Arbeiten und Kommunikation in entspannter Haltung möglich macht. "Stonehenge" wurde soeben in das International Yearbook of Design 2002 aufgenommen. Das Sitzmöbel erinnert an eine große Hand, in die man sich vertraulich betten kann. Da wartet sie nun nur noch auf jenen göttlichen Funktionär, der sie in Serie unter körperbewusste Leute bringt.

          Auffallend an diesen jungen Produkt-Design-Vorschlägen für Morgen ist der Hang zur Multifunktionalität und zur absoluten Körperlichkeit, die den rechten Winkel konsequent vermeidet. Dabei wird auch jene schrille Buntheit vermieden, wie sie im arrivierten Designer-Möbelmarkt gerade fröhliche Urstände feiert.

          Weitere Themen

          Das Grauen endet nie

          Arte-Dokus zu Auschwitz : Das Grauen endet nie

          Die Erinnerung an Auschwitz aber muss aktiv wachgehalten werden. Arte tut es mit einer Dokumentation, die noch einmal fragt, warum die Gaskammern nicht bombardiert wurden.

          Topmeldungen

          Eine Reisende am Dienstag am Pekinger Westbahnhof

          Corona-Virus : Vertuschung führt in die Katastrophe

          Angesichts der raschen Ausbreitung des Corona-Virus mahnt Chinas Führung zu Transparenz: Peking will beweisen, dass es mit der Krise verantwortungsvoll umgeht. Die Offenheit ist nicht allen geheuer.

          Impeachment-Regeln : Demokraten wittern Vertuschung

          Heute entscheidet der Senat, wie er Donald Trump den Prozess macht. Die Republikaner wollen die Sache schnell hinter sich bringen. Die Demokraten sagen: weil der Präsident viel zu verbergen habe.
          Der Finanzminister Olaf Scholz in Brüssel.

          Börsensteuer : In Gesprächen so weit wie nie

          Der Bundesfinanzminister Olaf Scholz widerspricht dem Eindruck, dass seine Pläne in der EU vor dem Scheitern stehen. Österreich droht dagegen offen mit Ausstieg. Der Minister spielt die Äußerungen herunter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.