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Künstlerhaus gerettet : Derek Jarmans Garten

  • -Aktualisiert am

Kleines Cottage, karge Flora: Derek Jarmans Haus in Dungeness. Bild: Picture-Alliance

Der Garten des Filmemachers Derek Jarman sollte nach dem Tod seines Lebensgefährten verkauft werden. Doch es kamen genug Spenden zusammen, um diesen Wallfahrtsort für die Öffentlichkeit zu erhalten.

          2 Min.

          Am Anfang ist Schönheit. Blumen, das Meer, der offene Himmel, die Küste von Kent, wo Derek Jarman, der Künstler, Maler, Filmemacher und Autor, in Dungeness ein kleines schwarzes Haus mit gelben Fensterrahmen und einem Stück Land herum gekauft hatte. Das Land, kiesbedeckt, verwandelte er in einen Garten. Im salzigen Wind der Küste, der Sonne ausgesetzt und mit Blick aufs örtliche Atomkraftwerk, wuchsen Kornblumen und Lichtnelken, Stechginster, Heiligenkraut und Meerkraut und Goldmohn, tiefblau die einen, strahlend gelb oder leuchtend rot die anderen. Dazwischen Feuersteine, Treibholz, Metallketten, gefundene Objekte.

          Haus und Garten, 1986 erworben, wurden berühmt, auch weil Jarman den Film „The Garden“ dort drehte, der in Schönheit beginnt, aber schließlich doch von etwas anderem und mehr erzählt als nur vom Schönen in der Natur. Jarman träumte diesen Film, während er ihn drehte, und verwandelte dabei den Garten erst ins Paradies im Zeitpunkt der Erbsünde und dann in den Garten Gethsemane. Er wusste damals bereits von seiner HIV-Infektion, und das Haus in Dungeness, das „Prospect Cottage“ hieß, war der Ort, an dem er allein oder mit seinem Lebensgefährten Keith Collins lebte.

          „The Garden“ ist das seltene Beispiel (wenn nicht die Erfindung) des autobiographischen Films, ein bewegtes Selbstbildnis im wörtlichen Sinn, denn nicht ein anderer (wie bei Cocteau), sondern Jarman selbst spielt den, der er ist und zeigt. Als er 1994 starb, pflegte Keith Collins den Garten weiter. Der war längst zur Wallfahrtsstätte geworden, nicht nur für internationale Popstars wie David Bowie. Keith Collins sorgte dafür, dass nichts dort wuchs, was Jarman nicht gepflanzt oder er selbst getreu ersetzt hatte, dass kein rostiges Teil liegenblieb, das fehlgeleitete Fans hinterlassen hatten, und er pflegte, was im Haus selbst war, Bilder, Schriften, Dokumente. 2018 starb auch Collins.

          Ein Triumph des Schönen

          Jetzt sollten Haus und Garten verkauft werden. Doch innerhalb von nur zehn Wochen kamen durch Spenden 3,5 Millionen Pfund zusammen, die es dem britischen Art Fund nun ermöglichen, das Ensemble zu erwerben und für die Öffentlichkeit zugänglich zu halten. Eine erstaunliche Summe in erstaunlich kurzer Zeit. Geholfen haben alte Weggefährtinnen wie Tilda Swinton und Sandy Powell, eine Kostümbildnerin, die kürzlich während der Preissaison zu Verleihungen und Partys im weißen Anzug ging, auf dem Hollywoodstars ihre Autogramme hinterließen und der bei seiner Versteigerung 16.000 Pfund erlöste.

          Und es half eine große Zahl von Einzelspenden, nicht nur von Stars. Dabei war Derek Jarman alles andere als ein Publikumsliebling. Er provozierte, er eckte an, er forderte heraus, seine Sexualität wurde als widernatürlich und gefährlich angesehen, seine Filme galten als obszön, seine religiösen Bezüge als blasphemisch. Jetzt wird sein Nachlass an Notiz- und Skizzenbüchern, Briefen, Zeichnungen und Fotografien als Dauerleihgabe ins Tate Archive überführt. Das ist ein Triumph der Öffentlichkeit über das Private, der Kunst über den Profit, ein Triumph des Außenseiters und Ausgegrenzten. Ein Triumph letztlich des Schönen, das in der Einsamkeit geschaffen und so lange erhalten wurde, bis Tausende begriffen, was es wert ist.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

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