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Der zweite Bayer im Vatikan : Der Bleistift ist sein Meißel

Einer von vierundzwanzig neuen Kardinälen, einer von zwei Deutschen: Walter Brandmüller im Petersdom Bild: dpa

Seltene Ehre: Der bayerische Kirchenhistoriker Walter Brandmüller ist wegen seiner Verdienste in den Kardinalsrang erhoben worden - zehn Jahre schärfte er das Profil der Kirche als Chefhistoriker der Kurie.

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          Vollversammlung heißt in Rom Konsistorium. Am vorvergangenen Wochenende rief Benedikt XVI. zum dritten Mal in seiner Amtszeit die Purpurträger in den Vatikan, um die Erhebung von vierundzwanzig Priestern in den Kardinalsstand zu feiern. Die Berichterstattung des Bayerischen Rundfunks konzentrierte sich naturgemäß auf Reinhard Marx, den Erzbischof von München-Freising - qua Amt gebucht für diese Beförderung: Dieser Tradition blieb auch sein Vorvorgänger Ratzinger treu. Anders treu zeigte er sich auch mit der zweiten, weniger beachteten Ernennung: Mit Walter Brandmüller wurde im Schatten des Münchner Kirchenfürsten ein Historiker ausgezeichnet - in der Neuzeit der dritte, dem diese Ehre zuteil wurde. Dem bayerischen Wissenschaftsminister war das keine Meldung wert, er überließ die Gratulation seinem nicht zuständigen Kollegen vom Kultusministerium.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Im Alter von siebenundzwanzig Jahren in Bamberg zum Priester geweiht, lehrte der 1929 im mittelfränkischen Ansbach geborene Offizierssohn dreiundzwanzig Jahre als Ordinarius für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit in Augsburg. Parallel dazu war er Dorfpfarrer im oberbayerischen Walleshausen, einer 1400-Seelen-Gemeinder. Brandmüller ist Fachmann für Konzilsgeschichte, hat ein dreibändiges Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte herausgegeben. Nach seiner Emeritierung berief ihn Johannes Paul II. 1998 an die Spitze des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaft, dessen Mitglied er seit 1981 gewesen war.

          Größere Gegner gesucht

          Das gemeinhin als „Chefhistoriker des Vatikan“ genannte Präsidentenamt versah er bis Ende letzten Jahres, offenbar zur Zufriedenheit des polnischen und des deutschen Papstes. Letzterer kennt seinen bayerischen Landsmann - und schätzt dessen Disposition zum entschiedenen Standpunkt. Denn Brandmüller geht keinem Disput aus dem Weg; Urteile über Geschichte würde er niemals im Schnellverfahren fällen. Seit Jahren setzt er sich für die (aus seiner Sicht gar nicht notwendige) Rehabilitierung von Pius XII. ein; im Fall Galileo Galileis sucht er das unlöschbare Vorurteil, der Astronom sei als Häretiker exkommuniziert worden, zu widerlegen.

          Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (links), freut sich über die neuen Kardinaläle Walter Brandmüller und Reinhard Marx. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer strahlt mit
          Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (links), freut sich über die neuen Kardinaläle Walter Brandmüller und Reinhard Marx. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer strahlt mit : Bild: dpa

          Um in der Hierarchie der Kirche das zweithöchste Amt zu erreichen, musste Walter Brandmüller erst einmal zum Bischof geweiht werden, was vor zwei Wochen in der Kirche der Deutschen, Santa Maria dell'Anima, geschah. In seiner Predigt sagte der ihn weihende Kardinal Raffaele Farina, Leiter der Vatikanischen Bibliothek (Lesen heißt, die Zeit stillstehen zu lassen), Brandmüller habe dem Papst und der deutschen Kirche wertvolle Hilfe geleistet. Als Gelehrter alter, das heißt universell gebildeter Schule, ist Walter Brandmüller auf vielen Wissensgebieten sattelfest. Der neue Kardinal spricht Latein fließend und hat sich die Wiederbelebung der Sprache aufs Banner geschrieben - nicht aus Sentimentalität, sondern weil er auch künftig brauchbaren wissenschaftlichen Nachwuchs will. Ein Priesterphilosoph, der mit Blick auf seine fortgesetzte Lehr- und Forschungstätigkeit von sich sagt: „Der Bleistift ist mein Meißelchen.“

          Als Titularkirche hat Walter Brandmüller San Giuliano dei Fiamminghi erhalten, die Kirche der Belgier in Rom. Für den Kenner der Kirchenspaltung eine passende Wahl. Denn bei aller Verwurzeltheit im römischen Fundament interessiert er sich stets brennend für die politischen Verhältnisse in Deutschland und der Welt.

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