https://www.faz.net/-gqz-7ste7

Irak-Kenner Sherko Fatah : Der Westen ist weich, der Osten fast ohne Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Sherko Fatah im Kunstquartier Bethanien in Berlin-Kreuzberg. Bild: Pein, Andreas

Er beschrieb die Vorläufer des „Islamischen Staats“: Über den großen deutschen Erzähler Sherko Fatah, in dessen Kopf und in dessen Romanen es zum permanenten Crash der Kulturen kommt.

          6 Min.

          Was ist in uns, wenn nichts mehr um uns ist? Was ist der Kern von uns, der Kern der Geschichten, die wir gehört haben ein Leben lang? Die Geschichten der Eltern, die Geschichten des Landes, in dem wir aufgewachsen sind? Was bleibt am Ende, in der Einsamkeit, in der Leere, wenn wir abgemagert sind, bis aufs Skelett der tiefsten, der intensivsten Erfahrungen unseres Lebens? Was sind wir?

          Sherko Fatah, 50, ist ein Abmagerungskünstler der Geschichte. Er führt seine Figuren ans Ende ihrer Welt, an den Gegenpol ihrer bisherigen Erfahrungen und sieht zu, was ihnen geschieht. Er ist ein realitätsbegeisterter Phantast, ein Weltbeschreiber an Orten der Leere. Fast alle seine Bücher spielen im Nordirak, im Grenzgebiet zu Syrien und der Türkei, wo täglich neue Grenzen entstehen, wo die verschiedensten Völker und Religionen mal miteinander leben, mal gegeneinander, sich ermorden, hassen oder ignorieren. Die Protagonisten seiner Romane sind gefallene Gotteskrieger, Glückssucher, Stürzende, die von einem Pol der Welt zum anderen geraten, vom Westen in den Anti-Westen oder umgekehrt, und die in jener anderen Welt alles in Frage stellen, was zuvor die Grundlage aller ihrer Überzeugungen war. Systemkarambolage im Kopf. Explosion. Auslöschung.

          Das Bevorstehende klang in seinen Werken an

          Sherko Fatah erzählt die spannendsten und spannungsreichsten Geschichten in der deutschen Literatur der Gegenwart. Er stammt, wie viele der besten unserer Autoren im Jetzt, aus vielen Herkunftswelten. 1964 kam er in Ost-Berlin zur Welt, seine Mutter stammt aus Masuren, sein Vater aus dem Norden des Iraks. Mit einem Stipendium war der als Student in die DDR gekommen und geblieben. Er war nicht Teil der Nomenklatura, hatte aber, mit irakischem Pass, das unschätzbare Privileg, zu reisen, wohin er wollte.

          1975 siedelte die Familie zunächst nach Wien und dann nach West-Berlin über. Oft lebte die Familie aber monatelang auch im Irak. Von Welt zu Welt, von System zu System zu wechseln, gehört für Sherko Fatah also zum Leben dazu. Aber ursprünglich lernte er die Welt und was man von ihr wissen muss in den Geschichten kennen, die er von seinem Vater hörte, wenn der von einer seiner Reisen zurückgekehrt war. Die Welt als Erzählung.

          So ist er selbst zum Erzähler geworden. In dessen Geschichten sich abstrakte Politik in Erzählung verwandelt, Anschauung, Abenteuer, Lebendigkeit. „Für mich war es schon immer so“, hat Fatah vor einiger Zeit in der F.A.Z. geschrieben: „Alle paar Jahre wieder fand ich Geschichten, ausführlich erzählt oder auch nur beiläufig fallengelassen von Verwandten, die in der Krisenregion Irak leben, in den brandaktuellen Meldungen zur Weltpolitik wieder.“ Während der westliche Fernsehzuschauer so lange nichts von der Existenz einer Armee namens IS gehört hat, bis diese Truppen plötzlich ganze Landstriche und Städte besetzen und ein eigenes Kalifat errichten, sind die Vorläufer dieser Organisation längst schon Teil von Fatahs Romanwelt gewesen.

          Bedrohlichkeit und Fremde

          So auch in seinem neuen Roman „Der letzte Ort“, der in dieser Woche erscheint und in dem der Emir, also der Befehlshaber einer Vorgängerorganisation der IS, sein Land und dessen Feinde so erklärt: „,Ich erzähle dir etwas über Eindringlinge‘, sagt Abdul. ,Es geht längst nicht mehr nur um die Kreuzfahrer, die Amerikaner und Briten, die hier hereingeströmt sind. Die Eindringlinge in Mesopotamien sind schon viel länger da. Im Norden die verwestlichten Kurden, sie sind eine wahre Plage. Ebenso wie die Turkmenen. Dazu kommen die Ungläubigen, die es noch immer gibt in diesem Land, Christen. Die gefährlichste Gruppe aber, und zugleich die größte sind die Häretiker, die sich selbst Schiiten nennen. Jene, bei denen ihr vorher wart und von denen wir euch übernommen haben, weil sie einfach zu dumm waren, etwas mit euch anzufangen.‘“

          Die, denen jener Abdul die Feinde seines Landes so geduldig erklärt, sind Albert und Osama, zwei junge Männer, die im Irak entführt worden sind, die von einem verlassenen Ort zum nächsten transportiert, von Terrorgruppe zu Terrorgruppe weitergereicht wurden, um schließlich hier, beim letzten Emir, am fernsten Ort der Welt anzukommen. Und etwas über Feindschaften zu hören. Den wahren Glauben und die falsche Welt. Albert ist Deutscher, ein wankelmütiges Wilhelm-Meisterchen, einer, der in den Irak geflohen ist, ein typischer Westler, der sich selber sucht oder sich loswerden will. Der nicht als Krieger kommt, nein, der helfen will, das kulturelle Erbe des Iraks zu retten, zu bewahren. Ein Vorhaben, das im Land selbst auf Unverständnis stößt: „Ein Mann aus dem Westen kommt hierher, es herrscht Krieg, er fährt durch die Gegend und kümmert sich um alte Steine. Was soll das?“

          Der sich das fragt, ist Osama, Alberts Übersetzer. Er stammt aus einer liberalen irakischen Familie, fühlt sich von jeher zur westlichen Welt hingezogen und gilt im eigenen Land als absoluter Verräter, Kollaborateur mit den Besatzern. Fremdling im eigenen Land. Fatahs Roman ist über weite Strecken beinahe ein Kammerspiel. Gespräch zwischen zwei Entführten, Albert und Osama, Männer aus unterschiedlichen Welten, die von der Welt des anderen magisch angezogen wurden und die nun im existentiellen Gespräch über ihre Wurzeln, ihre Erinnerungen, ihre Wünsche an die Grenzen des Verständnisses gelangen. Sie wollen sich nah sein, und je mehr sie reden, je bedrohlicher die Welt um sie herum wird, desto fremder werden sie einander.

          Gefrorene Wüste, totes Abenteuer

          Bis zur Verzweiflung versucht Osama, den weichen Westling zu verstehen. Warum ist er wirklich hierher gekommen? Irgendwann will er es gar nicht mehr aus eigenem Interesse wissen, es geht vielmehr ums Überleben. Die Entführer glauben die lächerliche Steinbewahrer-Geschichte nicht und halten Albert für einen Agenten und mit ihm auch Osama. So dringt der Übersetzer immer tiefer in die Herkunftsgeschichte Alberts ein, um seine Reise zu verstehen und sie somit auch den Entführern verständlich zu machen.

          Es fällt ihm schwer. Alberts Geschichte geht zurück in die DDR, zu seinem Vater, der Profiteur des Systems, gläubiger Sozialist gewesen ist, der Auslandsreisen machte, der Familie davon erzählte und der den Fall der Mauer als Sturz ins Leere erlebte. Der überzeugt ist, dass den Menschen heute der Widerstand fehlt, die Reibung, die Abgrenzung, die Mauer, die die eine Welt von der anderen trennt. Er sieht in der Gegenwart nur Beliebigkeit und Leere.

          Gegen diesen Vater hatte nicht Albert gekämpft, sondern zunächst seine geliebte Schwester Mila. Die aus Protest zu hungern begann, die anarchistische Widerstandsposen pflegte, den Vater in den Wahnsinn trieb. Und die Albert irgendwann einmal einen toten Skorpion hinter Glas schenkte. Gefrorene Wüste, totes Abenteuer, Gefahr in Plexiglas gesichert. Irgendwann war der Skorpion verschwunden. Und Alberts ewiger Wunsch, die Wüste zu sehen, musste Wirklichkeit werden.

          Freie, fliegende Menschen

          Osama findet in diesen Geschichten nichts, was sich gegenüber den Entführern für Albert verwenden ließe. Er, der eigentlich voller Sympathie für den weichen Westler war, verliert beinahe den Glauben: „Das nennt ihr Freiheit. Jeder macht den Unsinn, der ihm gerade einfällt, und so werdet ihr alt. Und damit es hier genau so wird, schickt ihr eure Panzer her.“

          Einmal, durch einen plötzlichen Glücksfall, gelingt es Albert insgeheim, eine E-Mail an seine Schwester Mila zu schreiben. Er schreibt ihr, unter Todesgefahr, den Anfang des Romans „Kidnapped“ von Robert Louis Stevenson, um sie auf seine Situation aufmerksam zu machen. Osama, begeistert von Alberts Mut, fragt ihn, was er geschrieben habe.

          Albert zitiert aus dem Kopf: „I will begin the story of my adventures with a certain morning . . .“ Das ist der Moment, in dem Osama am Verstand dieses westlichen Würstchens zweifelt. Was hat er gemacht? Einen Roman zitiert? Ist er verrückt? Wir brauchen Hilfe! Hubschrauber! Rettung! Jetzt! „Er verstand sie nicht, diese idealistischen, gut ausgebildeten, mutigen, wohlgenährten Kinder. Wie stolz musste dieser Deutsche auf die Exklusivität seiner Nachricht sein, noch dazu, da er sie an eine ferne Schwester schicken konnte, die so etwas war wie seine verbotene Geliebte. Das sind fliegende Menschen, dachte Osama. Sie sind wahrhaftig frei, so frei, dass sie sich verirren.“

          Auch er kennt die Zukunft nicht

          Fatahs Inszenierung dieses Kammerspiels ist genial. Die Gespräche, die Annäherungen, die Sympathien, die Grenzen der Verständigung, die immer wieder zu Tage tretende Fremdheit, die größer zu werden scheint, je näher man sich kommt, das ist phänomenal erzählt. „Zu Hause war es mir näher, als es mir hier je sein könnte“, denkt Albert so für sich. „Dort war das Fremde Abwechslung, Ausweis von Modernität.“ Es ist die große Stärke Fatahs, diese deutsche Fremdheitssehnsucht nicht als Kriegs- und Abenteuerkitsch zu entlarven, sondern als aus guten Gründen entstehende, tiefe Wünsche ernst zu nehmen. Sie zerschellen dann eben nur an der politischen, wirklich fremden Realität vor Ort.

          Wenn man mit Sherko Fatah über die politische Gegenwart spricht, weiß er so wenige Lösungen wie wir. Er weiß nicht, ob man früh in Syrien hätte militärisch eingreifen müssen, statt nur die Chemiewaffen zu zerstören. Er weiß nicht, ob die Offensive der IS jetzt in letzter Konsequenz vor allem zur Gründung des neuen Kurdenstaates führen wird, weiß nicht, wie die Grenzen bald verlaufen werden. Sein Vater und viele Verwandte leben noch im Nordirak in Sulaimania, einer großen Stadt im Nordosten, die nicht direkt von den aktuellen Kämpfen betroffen ist. Wenn er mit seiner Familie vor Ort telefoniert, wissen die auch nicht mehr, als das, was sie im Fernsehen sehen. Da sind 50 Kilometer Entfernung so viel wie 5000.

          Sherko Fatah weiß nicht, wie eine Lösung aussehen könnte. Er glaubt an Europa. Er glaubt, dass die europäische Idee neu erzählt werden muss. Wie jede politische Idee, damit sie Kraft gewinnt, so viel Kraft, dass sie am Ende siegt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump und Biden am Dienstag bei der ersten Fernsehdebatte.

          Präsidentenwahlkampf : Trump und die „Proud Boys“

          Donald Trump hatte gehofft, die erste Fernsehdebatte werde die Wende im Präsidentenwahlkampf bringen. Doch sein Auftreten hat das Gegenteil bewirkt – ebenso wie seine Äußerungen zu den „Proud Boys“.

          Trump gegen Biden : So reagiert das Netz auf den Schlagabtausch

          Das erste Fernsehduell zwischen Präsident Trump und seinem Herausforderer sorgt auch in den sozialen Medien für jede Menge Reaktionen. Viele sind ähnlich hitzig wie die Debatte selbst. Andere Twitter-Nutzer werden kreativ.
          Rupert Stadler sitzt in München im Gerichtssaal.

          Früherer Audi-Chef : Mit der S-Klasse zum Gericht

          Rupert Stadler hat eine neue Rolle: Er muss sich im Diesel-Prozess verantworten. Früher, in seiner Rolle als Vorstandschef der prestigeträchtigen VW-Marke Audi, fand er mehr Gefallen an öffentlichen Auftritten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.