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Gina Thomas (G.T.)

Kampagne gegen GB News : Heuchlerischer Boykott

  • -Aktualisiert am

Sein neuer Sender bekommt Aufmerksamkeit reichlich: Andrew Neil von GB News. Bild: dpa

Unternehmen ziehen ihre Werbung aus dem neuen britischen Sender GB News ab, weil Lobbyisten von „Stop Funding Hate“ sie dazu drängen. GB News sei „toxisch“: Das wussten die vermeintlichen Moralwächter schon vor der ersten Sendung.

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          Der schwedische Cider-Hersteller klopft sich auf die Schulter: „Kopparberg ist ein Getränk für alle.“ Die Brauerei Grolsch rühmt sich ihrer „Kernwerte der Inklusivität und Offenheit für alle Menschen“. Die Fernuniversität Open University beruft sich auf ihre Mission, „offen zu sein für Menschen, Orte, Methoden und Ideale“. Und der Einrichtungskonzern Ikea berühmt sich seiner „humanistischen Werte“. Die Unternehmen verbindet, dass sie sich trotz ihrer Beteuerungen, der Allgemeinheit zu dienen, dem Druck von Online-Aktivisten gebeugt haben, die einen Werbeboykott des seit Sonntag ausgestrahlten britischen Nachrichtensenders GB News initiieren.

          Dahinter steht die Organisation „Stop Funding Hate“. Sie behauptet, für „alle Menschenrechte“ einzutreten und sich „allen Formen der Diskriminierung“ zu widersetzen in ihrem Kampf gegen „toxische Medien“.

          Dass GB News mit dem erklärten Ziel, ein Gegengewicht zur vorherrschenden linksliberalen Orthodoxie der britischen Medien zu schaffen, „toxisch“ sei, hatte „Stop Funding Hate“ bereits entschieden, lange bevor die erste Sendung ausgestrahlt worden war. Anfang Februar riefen die selbsternannten Moralhüter bereits ihre Anhänger auf, Mobiltelefonfirmen unter dem Hashtag #DontFundGBNews zu drohen, den Anbieter zu wechseln, wenn die Unternehmen gedächten, bei dem neuen Sender Werbung zu schalten. Stunden vor dem Start von GB News wusste einer der Aktivisten schon, dass GB News „toxische Propaganda“ verbreite, und rief zum Anzeigenboykott auf. Andere stellten am Sonntag in den ersten Sendestunden die Anbieter an den Pranger, die Werbung geschaltet hatten.

          Von Nivea und Bosch über Vodafone bis hin zur Online-Plattform Pinterest gab ein Konzern nach dem anderen unverzüglich klein bei und verkündete, seine Geschäfte bis auf Weiteres abzuziehen. Da GB News den Verkauf von Werbezeiten an Sky Media delegiert hat, redeten sich die meisten Unternehmen damit heraus, nicht gewusst zu haben, dass ihre Anzeigen bei GB News gelaufen seien. Wie Ikea behaupten sie erst einmal prüfen zu wollen, ob die Inhalte des Senders im Einklang mit ihren „Firmenwerten“ stehen.

          Kulturminister Oliver Dowden sagte, es sei jeder Firma anheimgestellt, wo sie werbe. Es sei jedoch bedenklich, wenn Unternehmen sich dem Druck von Interessengruppen beugten. Schließlich werde GB News von der Medienaufsichtsbehörde Ofcom reguliert und müsse denselben Maßstäbe genügen wie jeder andere britische Sender. Dowden bezeichnete die robuste, freie und vielfältige Medienlandschaft des Vereinigten Königreichs als „Eckpfeiler unserer Freiheiten“.

          Wie ist es jedoch um diese Freiheiten, um Toleranz und die Pluralität der Medien bestellt, wenn die Wirtschaft vor Aktivisten in die Knie geht, die glauben, die Moral gepachtet zu haben und für sich in Anspruch nehmen, zu bestimmen, dass die Zuschauer von GB News nicht zur Gesamtheit der Menschen gehören, an die sich die Unternehmen zu richten behaupten? Offenheit und Inklusivität ist anscheinend nur Gleichdenkenden vorbehalten.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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