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Arzneipflanze des Jahres : Wilde Träume, starkes Herz

Schon die Römer hatten ihre Kinder nachts mit seinen Zweigen im Fenster geschützt: Weißdorn Bild: Picture-Alliance

Insektenheim, Einschlafhilfe, Mehlersatz: Der Weißdorn hat eine Menge Talente. Der Fruchtbarkeitsbezug ist naheliegend, als Aphrodisiakum taugt er dennoch nicht – wohl aber als Arzneipflanze.

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          Lächelt da Merlin im Schlaf? Nein – nur ein Schattenspiel zwischen den Zweigen. Der Weißdorn hat viele Gesichter, vor allem weibliche: Olwen, Tochter eines walisischen Hütegottes, blickt uns aus ihm entgegen, Blodeuwedd, das göttlich-walisische „Blütengesicht“, dessen Identität die Maikönigin der traditionellen inselkeltischen Frühjahrsriten annahm, bevor der Mai zum christlichen Marienmonat umgewidmet wurde. Der Druidenzauberer Merlin wurde erst im Mittelalter von den Dichtern der Artussage mit dem Weißdorn assoziiert: Seine geliebte Fee Viviane soll ihn unter einem Weißdorn im bretonischen Zauberwald Brocéliande in ewigen Schlaf versenkt haben. Wie die 13. Fee unser Dornröschen, das, von wilden „Rosen“ umwuchert, hundert Jahre verschlief.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Weißdorn gehört zur Familie der Rosengewächse. Seinen Namen hat er aber nicht von den weißen Blüten, sondern von der hellen Rinde – im Gegensatz zum dunkelrindigen Schwarzdorn. Er ist die Kinderstube von 54 Schmetterlingsarten. Seine scharlachroten Früchte sind keine Beeren, sondern mehlhaltige Äpfelchen, die in Notzeiten im Brot verbacken wurden. Der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Universität Würzburg hat den Weißdorn jetzt zur Arzneipflanze des Jahres 2019 gekürt. „Neue Studien haben ergeben, dass er ein gutes Mittel ist bei allerersten Zeichen einer Herzschwäche, leichter Atemlosigkeit bei Belastung“, sagte der jüngst verstorbene Würzburger Medizinhistoriker Johannes Gottfried Mayer. Deshalb wurde der Weißdorn schon 2016 von der deutschen Zulassungsbehörde als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft.

          Der Weißdorn hat viele Namen. Es gibt 200 bis 300 Arten in den gemäßigten Klimaten weltweit, hierzulande aber nur drei. „Hagedorn“ nannten ihn die Bauern im Mittelalter, weil er damals den Garten und die Weide umfriedete und mit seinem undurchdringlichen Dornengestrüpp das kultivierte Land, den Hag, vor der Wildnis mit ihren Dämonen und Raubtieren schützte – etwa vor Wölfen. Schon die Römer hatten Weißdornzweige ins Fenster gestellt, um ihre Kinder vor den nächtlichen „Strigen“ zu schützen.

          Hexerei und Liebeszauber

          Nach Hexerei und Liebeszauber riecht auch die Blüte des Weißdorns. Sie öffnet, wie auch Proust wusste, einen erotischen Erlebnishorizont – der nach Heringslake riecht. Dahinter steckt das Trimethylamin, ein Eiweißabbauprodukt, das im Vaginalsekret der Frau und im Ejakulat des Mannes vorkommt. Kein Wunder also, dass der Weißdorn mit Fruchtbarkeitskulten verschwistert war, obwohl er zum Aphrodisiakum nicht taugt, weil er nicht direkt auf die Hormone wirkt. Daher galt es im Orient als Liebeserklärung, wenn ein Mann seiner Herzdame einen Weißdornzweig überreichte.

          Christliche Kloster-Novizen allerdings wurden davor gewarnt, unter einem Weißdorn zu schlafen. Es könnten sich ja wilde Träume einstellen. Die Pflanze wirkt nämlich auch als Einschlafhilfe.

          Christen spannen die heidnischen Mythen weiter. Schon die Dornenkrone Jesu soll aus den Zweigen des Weißdorns geflochten gewesen sein. Bei der Kreuzabnahme soll Joseph von Arimathäa das Blut des toten Christus in einem Becher aufgefangen und die Gralslegende begründet haben, indem er mit diesem bis nach Britannien wanderte. Als er bei Glastonbury, einer alten Kultstätte und heutigen Hochburg für Esoteriker in Somerset, seinen Wanderstab aus Weißdornholz in den Boden rammte, um den Ort für die erste christliche Kirche Englands zu markieren, trieb dieser aus und blühte Jahr für Jahr in der Weihnachtszeit.

          Heute vermutet man dahinter eine Kreuzung mit einer mediterranen Art. Heinrich VII. nahm den Weißdorn in sein Tudor-Wappen auf. Erst Cromwells puritanische Soldaten rodeten die Weißdorne von Glastonbury-Abbey als Inbild katholischen Aberglaubens. Vorher allerdings waren Stecklinge unters Volk geraten. Und so schickt man noch heute der englischen Königin vor Weihnachten einen Zweig jener Weißdornsträucher, die jetzt auf dem Johannisfriedhof von Glastonbury wachsen.

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