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Der Weihnachtsstern : Symbol der Wegwerfmentalität

  • -Aktualisiert am

Der Nachwuchs kommt zuverlässig: Gartencenter in Schottland Bild: dpa

Der Weihnachtsstern erfreut sich im Advent großer Beliebtheit. Doch er überlebt nur selten den Winter – denn kaum jemand pflegt ihn so, wie er es braucht. Dabei lohnt es sich.

          Euphorbia pulcherrima. Die allerschönste Wolfsmilch. Sie kennen die Pflanze: den Weihnachtsstern. Vielen gilt er als Inbegriff der Spießigkeit. Dennoch werden seit November weltweit Abermillionen Stück verkauft. Auch ich mag die Massenware nicht sonderlich.

          Die Pflanze verzeiht keine Pflegefehler. Kaltes Gießwasser, kühlere Temperaturen, Düngermangel und zugige Luft zeitigen rasch gravierende Schäden. Nicht wenige der Weihnachtssterne aus dem Supermarkt wurden zusätzlich mit Farbspray malträtiert. Zum Jahreswechsel sind sie ruiniert und wandern in den Müll. Doch schauen wir uns die noch gesunden Exemplare an. Elegant geformte und von Blattadern ornamentierte Laubblätter in dunklem Grün bilden einen attraktiven Kontrast zu den gefärbten Hochblättern, den sogenannten Brakteen, die den eigentlichen Schmuck ausmachen. Durch Züchtung ist die Farbpalette inzwischen breit: Sie reicht von klassischem Rot über Roséfarben und Violetttöne bis zu Weißschattierungen. Wenn es sein muss, geht es auch zweifarbig. Die über den Hochblättern sitzenden Blüten sind eher unscheinbar. Als Kurztagblüher entwickelt der Weihnachtsstern seine leuchtenden Farben nur dann, wenn er mindestens zwölf Stunden absolut dunkel steht.

          Die Heimat des Weihnachtssterns ist Lateinamerika, wo er als Strauch einige Meter hoch wachsen kann. Die Azteken benutzten seinen milchigen Saft, um Fieber zu senken. Fromme Franziskaner dekorierten mit den prächtigen Blättern an Weihnachten ihre Kirchen in Neuspanien. Europa lernte den Strauch zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch den reisefreudigen Polyhistor Alexander von Humboldt kennen. In die Vereinigten Staaten brachte ihn um 1830 der erste nordamerikanische Botschafter in Mexiko, Joel Roberts Poinsett; nach ihm heißt die Pflanze in der englischsprachigen Welt auch heute noch poinsettia.

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          Doch den Ursprung für den globalen Erfolg legte ein deutscher Weltverbesserer, der 1902 nach Kalifornien auswanderte. Der Magdeburger Lehrer Adolf Ecke. Fleißig baute er auf seiner Ranch Obst und Gemüse an, kultivierte aber zugleich die auf den Hügeln wildwachsenden Weihnachtssterne. Zum Fest schnitt er die prächtigen Blätter ab, band sie zu Sträußen zusammen und verkaufte sie an einen Großhändler. Die nachfolgenden Generationen machten aus dem gutgehenden Geschäft ein florierendes Unternehmen. Man überwand die exklusive Verwendung als Schnittblume und vermarktete den Weihnachtsstern als Topfpflanze. Züchtungserfolge in den 1950er Jahren ließen ihn in Wuchs und Farbe ansehnlicher werden, auch bei Zimmertemperatur. Kräftige Wurzelstecklinge aus den Gewächshäusern wurden mit Luftfracht in alle Welt gebracht. Gleichzeitig verwandelte die Familie Ecke die poinsettia in einen medialen Star; seit den 1960er Jahren schmückten ihre Pflanzen in der Weihnachtszeit das Weiße Haus und zahllose Fernsehstudios. Noch vor der Millenniumswende hielt die Gentechnik Einzug. In der kalifornischen Heimat entstand ein Forschungslabor. Die Gewächshäuser wurden in den Regenwald von Guatemala verlegt, um den steigenden Kostendruck zu reduzieren. In guten Jahren verkaufte Ecke über 100 Millionen Stecklinge. Inzwischen gehört das Unternehmen einem international tätigen Großkonzern. Die Gewächshäuser sind mittlerweile nach El Salvador verlagert. Der Weihnachtsstern illustriert den harten Wettbewerb einer globalen Pflanzenindustrie.

          Nur so ist es möglich, dass Weihnachtssterne für wenig Geld fast überall zu haben sind. Aber sie geben nur ein kurzes Gastspiel in den festlich geschmückten Stuben. Der Weihnachtsstern ist das florale Symbol einer ubiquitären Wegwerfmentalität. Dabei ist die Kurzlebigkeit dieser Pflanze nicht in die Gene gelegt. Vielleicht entsorgen Sie nach den Festtagen ihren Weihnachtsstern nicht als ephemeren Teil der Advents- und Weihnachtsdekoration, sondern sehen in ihm eine gärtnerische Herausforderung. Mit sorgsamer Pflege kann aus der Massenware in ein paar Jahren ein prächtiger Strauch werden, der selbst ohne farbige Hochblätter stattlich und vor allem unverwechselbar ist.

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