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Hannes Hintermeier (hhm)

Der Weg in den Faschismus : Origineller Gefechtsstand

Benito Mussolini. Bild: picture alliance / akg-images

Emilio Lussu war Staatsfeind unter Mussolini. Er hat aufgeschrieben, wie sich der Marsch auf Rom zutrug. Zur Wahl in Italien am Sonntag wäre eine Relektüre von Lussu dringend zu empfehlen.

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          Wenn am Sonntag, wie allenthalben vorausgesagt, in Italien die Fratelli d’Italia die Wahl gewinnen, bekommt das Land eine postfaschistische Ministerpräsidentin – mit uneindeutiger Haltung zur Vorsilbe „post“. Hundert Jahre nach Mussolinis Marsch auf Rom in den letzten Oktobertagen 1922 und in einer Atmosphäre, in der die Diktatur des „Duce“ als halb so wild gilt. Dabei zeigt ein Blick in die Geschichte, wie brutal diese Machtübernahme damals durchgesetzt wurde. Nachzulesen bei einem Zeitzeugen, einem sehr scharfen Beobachter, der 1932 im Pariser Exil einen Bericht vorlegte, den der Folio Verlag vor wenigen Tagen wieder in einer deutschen Ausgabe zu­gänglich gemacht hat: Emilio Lussus „Marsch auf Rom und Umgebung“.

          Man beachte dabei den Zusatz „und Umgebung“, der, wie Claus Gatterer in seinem Nachwort zur deutschen Erstausgabe im Europaverlag aus dem Jahr 1971 ausführt, den abenteuerlich-touristischen Charakter des Marsches ironisiert. Lussu war nicht irgendwer, Lussu war ein Held und ein prominenter Staatsfeind der Faschisten. 1890 als Sohn sardischer Bauern geboren, studierter Jurist, ein asketischer, hochdekorierter Offizier in den Karst-Schlachten des Ersten Weltkriegs. Auch darüber hat er ein Buch geschrieben – „Ein Jahr auf der Hochebene“ (1938).

          Als Oppositioneller war Lussu ein Humanist

          Aus der Sicht eines einfachen Soldaten wird der Irrsinn des Zermürbungskriegs, die Opferung italienischer Soldaten durch einen menschenverachtenden Generalstab seziert. Kurz nach dem Krieg siegte in Lussu der Politiker über den Schriftsteller. Aus den Resten der nur mit Sarden besetzten Brigata Sassari wird der Partito Sardo d’Azione, das politische Gegenstück zum Faschismus, wie ihn der ehemalige Linke Mussolini erfand, weil rechts politisch mehr zu holen war. Lussu schildert lakonisch und mit Gespür für die Bizarrerie vieler Zweikämpfe, wie sich die Schwarzhemden den Weg zur Macht ebneten – mit Einschüchterung, Plünderung, Prügeln, Mord. Und er zeigt das Kernproblem: Man kannte sich. Wusste, dass, wer neuerdings Faschist wurde, gestern noch abgeschworen hatte. Dass Mussolini seinen Gefechtsstand während des Marsches in Mailand be­zieht, nennt Lussu „zweifellos originell“: „Auch heutzutage sind 600 Kilometer zwischen dem Oberkommandierenden und dem kämpfenden Heer eine außergewöhnliche Distanz. Da­für bietet Mailand den Vorteil, dass es nur wenige Kilometer zur Schweizer Grenze sind.“

          1927 verbannen die Faschisten den Parlamentsabgeordneten Lussu auf die Gefängnisinsel Lipari, von dort entkommt er in einer spektakulären Aktion mit einem Schnellboot, überlebt die aus der Haft mitgeschleppte Tuberkulose. Nach dem Ende Mussolinis kehrt Lussu auf die politische Bühne zurück, wird Mi­nister in der ersten Nachkriegsregierung, später Senator. Er stirbt 1975 in Rom. Als Oppositioneller war Lussu ein Humanist und, so Gatterer, „Ewig-Morgiger“, eine Ausnahmefigur in einem Land, das die von ihm 1943 geforderte vollkommene Zerstörung des faschistischen Staates nie vollzogen hat.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

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