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Der Unheilpraktiker : Heute keine Sprechstunde bei „Dr. Dabic“

Bild: reuters

Am Morgen nach dem Bekanntwerden der Festnahme von Radovan Karadzic staunen die Leute immer noch, dass es geschehen ist. Als Kräuterdoktor war der Unheilpraktiker perfekt getarnt. Die Nachricht klingt wie ein Märchen.

          5 Min.

          Wenn Radovan Karadzic eine Zelle mit Blick zur Straße hat, dann kann er von dort aus bestimmt die kleinen weißen Zelte sehen, die von den Fernsehsendern aufgebaut wurden auf der anderen Seite, damit ihre Kameras im Trockenen stehen. Es ist kein Fernsehwetter an diesem Tag. Düster und grau liegt Belgrad unter einem tiefen Wolkenhimmel, der sich entweder am Platz oder in der Jahreszeit geirrt hat.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          So ein Himmel mag für Murmansk angehen oder für Oktober, aber im Juli in Belgrad macht er das darunter liegende Gewerbegebiet mit der viel befahrenen Straße des Aufstands, in dem das ockerfarbene Gerichtsgebäude mit dem Gefängnis liegt, noch trostloser. Die Kameraleute haben sowieso nichts zu filmen im Moment, denn drüben tut sich nichts. Ein kleiner dicker Fotograf und ein langer dünner überlegen, aus welcher Perspektive das Gebäude am besten einzufangen sei, sind sich dann aber doch darin einig, dass jeder Blickwinkel langweilig ist.

          Nicht enden wollendes Staunen

          Drüben vor dem Gebäude stehen im Abstand von jeweils zehn Metern die Männer der Sonderpolizei. Sie halten Wache mit aufgepflanztem Schutzschild und schauen grimmig drein. Das gehört zu ihrem Job, so machen sie es immer. Am Kiosk skandieren die regenfeuchten Belgrader Zeitungen im Chor, dass Karadzic verhaftet worden sei, und auch wenn das schon seit gestern Nacht jeder weiß in der Stadt, blicken sich die Leute am folgenden Tag noch ungläubig an. Dabei kommt es gar nicht so darauf an, ob einer die Nachricht gut findet oder schlecht. Alle staunen darüber, dass es nun also doch geschehen ist, und können nicht aufhören, sich zu wundern.

          Der Doktor der alternativen Medizin - Radovan Karadzic mit unbekannter Frau
          Der Doktor der alternativen Medizin - Radovan Karadzic mit unbekannter Frau : Bild: REUTERS

          Radovan Karadzic verhaftet: Nach all den Jahren, da man sich an den Gedanken gewöhnt hatte, dass er sich irgendwo in den Schluchten des Balkans versteckt halte und wahrscheinlich nie gefunden wird, klingt das wie ein Märchen. Seit Montag, 23.14 Uhr, ist bekannt, dass es keines ist. Um diese Uhrzeit meldete die serbische Agentur Beta als erste, das „der frühere Führer der bosnischen Serben“ aufgespürt worden sei. Dann verkündete der Nationale Sicherheitsrat der Republik Serbien hochoffiziell, dass eine „Aktion serbischer Geheimdienste“ Karadzic ausfindig gemacht und festgenommen habe. Er sei, dem Gesetz über die Zusammenarbeit mit dem Tribunal für das ehemalige Jugoslawien entsprechend, an die Untersuchungsrichter des Belgrader Gerichts für Kriegsverbrechen überstellt worden. So prosaisch endete ein Versteckspiel, das mehr als ein Jahrzehnt hindurch den Balkan in Atem hielt.

          Ein sympathischer Mann?

          Aber eigentlich, das wissen wir jetzt schon, war es ja gar nicht Karadzic, der verhaftet wurde, sondern Dr. Dabic. Der Gesuchte habe einen auf den Namen Dragan Dabic ausgestellten Personalausweis besessen und sich in einer privaten Arztpraxis mit alternativer Medizin beschäftigt, hieß es am Dienstag. Ein merkwürdiger Gedanke kommt auf: Im vergangenen Jahr, als der Magen immer wieder Beschwerden machte, hatte man da nicht überlegt, es doch einmal mit alternativer Medizin zu versuchen? Um ein Haar wäre man dann vielleicht in seine Praxis geraten: Gestatten, Dr. Dabic, was kann ich für Sie tun? Niemand hätte Verdacht geschöpft, denn dieser schlohweiße Zottelkopf, so, wie ihn die am Dienstag verbreiteten Fotos zeigten, hat die Rolle des leicht weltfremden Heilpraktikers bestimmt glänzend gespielt. Vielleicht hätte er noch etwas Kluges über Kultur gesagt und einem dann eine Tüte sündhaft teurer Heilkräuter aus den bosnischen Bergen verkauft, und die Leute hätten gesagt: Dieser Dr. Dabic, das ist ein sympathischer Mann.

          Es stellt sich nun die Frage, wer aus seinem Umkreis von der friedvollen Existenz des Dr. Dabic-Karadzic mitten in Belgrad wusste. Vor einigen Jahren, als sein Verleger Miroslav Tocholj den neuen Roman von Karadzic herausbrachte und damit der Star der Belgrader Buchmesse war, hieß es, das Manuskript sei mit der Post von irgendwo her gekommen. Schon damals vermuteten viele, dass Toholj, ein bosnischer Serbe, auf die eine oder andere Weise in Verbindung mit Karadzic stehe. Weltanschaulich sind sich der Verleger und sein Autor gewiss nah, das wusste man. Oder bedurfte Karadzic seiner alten Kameraden aus Bosnien gar nicht? Half ihm gar der Geheimdienst selbst dabei, sein in aller Öffentlichkeit geführtes Untergrundleben durchzuhalten?

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