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Der Umsonstladen : Labor für negative Alchimie

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Der nackte Gebrauchswert: Umsonstladen in Berlin Bild: F.A.Z. - Matthias Lüdecke - FAZ

In der Krise träumen viele von einer Welt ohne Geld: Wie die aussieht, zeigt heute schon ein Laden in Berlin-Mitte. Der Tauschwert löst sich auf - und zurück bleibt der nackte Gebrauchswert. Hübsch sieht das nicht aus.

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          Braucht hier noch jemand eine „ADAC-Motorwelt“ aus den frühen Nullerjahren? Eine Original-CD mit Microsoft Works - für Windows 95? Interesse an einem fast kompletten Satz Einwegbesteck, mit leichten Gebrauchsspuren? Oder fehlt zufällig irgendwem der zweite Band von Ernest Mandels „Marxistischer Wirtschaftstheorie“, Suhrkamp 1972?

          All diese Dinge hat der Kapitalismus hervorgebracht - jenes System also, das uns innerhalb weniger Monate so rätselhaft geworden ist wie die Verwandlungslehren der Alchimie. All diese Dinge hatten ihren Preis, als sie auf den Markt kamen. Nun kosten sie nichts mehr. Sie stehen und liegen in den billigen Holzregalen des „Umsonstladens“ in der Brunnenstraße 183 in Berlin herum: einem Laden, der kein Geschäft sein möchte und der sich auf einem Flugblatt als „Alternative zur kapitalistischen Kaufökonomie“ bewirbt. Wer wissen will, wie eine Welt ohne Geld aussieht, sollte sich hier einmal in Ruhe umschauen.

          Töpfe mit Sprüngen

          Der Umsonstladen befindet sich im Erdgeschoss eines besetzten Hauses, dem angeblich in den nächsten Tagen die Räumung droht. Gegenüber liegt der Weinbergspark, wo Mitte an heißen Sommernachmittagen zu sich selbst kommt: Die Hipster, die hier ihre Pornobrillen und American-Apparel-T-Shirts zur Schau tragen, könnten jede Modestrecke im „Vice“-Magazin bevölkern. Am Rand des Parks verticken Dealer zischelnd ihr minderwertiges Marihuana, und Punker brüllen ihren Hunden hinterher. Ab und zu läuft einer von ihnen quer über die Brunnenstraße zum Umsonstladen - um nachzufragen, ob er dort ein neues gebrauchtes schwarzes T-Shirt bekommt.

          Sammlerstück zwischen Büchern über den Drosselmann und den Schneemenschen

          Wie das Flugblatt betont, handelt es sich beim Umsonstladen nicht einfach um einen Secondhandladen ohne Kasse. Er soll extraterritoriales Gebiet darstellen „in einer Gesellschaft, in der Dinge zu Waren werden und ihr Austausch nur über das Geld organisiert wird“. Man muss sich den Umsonstladen als Labor vorstellen, das negative Alchimie betreibt und Waren in Dinge zurückverwandelt. Der Tauschwert löst sich auf - und zurück bleibt der nackte Gebrauchswert. Hübsch sieht das nicht aus, wie schon der Blick ins Schaufenster lehrt: Da gibt es zwischen allerlei Krimskrams auch diese schwarzen Plastiktöpfe, in denen Blumen verkauft werden, die man aber nach dem Einpflanzen gewöhnlich wegwirft. An einigen Töpfen hängen Erdkrümel, manche haben einen Sprung.

          „Bitte keine Monitore mehr!“

          Überhaupt ist das Schaufenster das Gegenteil all jener Verführungsbühnen, mit denen der Kapitalismus seine Kunden anlockt, seit die mondänen Pariser Warenhäuser im neunzehnten Jahrhundert ihre Tore öffneten. Dieses Fenster verspricht nichts, was es nicht halten könnte. Stattdessen klebt da ein handgeschriebener Zettel: „Bitte keine Monitore mehr, sind erst mal genug!“

          Ja, an alten Bildschirmen herrscht kein Mangel in diesem Laden, der wie eine trostlose Wunderkammer wirkt, vage nach Gegenstandsklassen geordnet. Die grauen, klobigen Monitore stapeln sich auf der linken Seite. Glücklich ist die ältere Dame im geblümten Kleid, die heute das Betreiberkollektiv vertritt, nicht mit diesem Überfluss - denn offenbar entspricht ihm keinerlei Nachfrage. „Wir brauchen jetzt wohl ein Auto, um die ganzen Monitore zu den Stadtreinigungsbetrieben zu fahren.“

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