https://www.faz.net/-gqz-1502h

Der Tiermaler Walton Ford : Kann man noch deutlicher falschliegen?

  • -Aktualisiert am

Bevor der Tasmanische Tiger ausgerottet wurde, sagte man ihm nach, verheerende Schäden in der Natur anzurichten: Walton Fords „The Island” von 2009. Bild: Walton Ford, Courtesy Paul Kasmin Gallery

Bei Tiermalerei denken viele noch immer nur an röhrende Hirsche. Das ist ein Irrtum - wie die riesigen Gemälde von Walton Ford beweisen, die von heute an im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen sind. Fords lebensgroße Tiger, Gorillas oder Wölfe sind die Historienbilder der Gegenwart.

          4 Min.

          Das Triptychon mit den Tasmanischen Beuteltigern, das Sie in der Bilderleiste abgebildet sehen, ist in Wirklichkeit viel, viel größer: Es misst drei Meter in der Höhe und fast viereinhalb Meter in der Breite. Das ist ein Format, wie wir es sonst von den Tapisserien aus der königlichen Manufaktur von Ludwig XIV. kennen – oder den riesenhaften Historiengemälden der Kunstgeschichte. Und alle Bilder, die Sie hier abgebildet sehen, sind gleichzeitig auch ein Experiment. Denn einigen Vertretern des zeitgenössischen Kunstbetriebs war schon im Vorfeld der Ausstellung das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als sie die ersten Ausstellungsplakate in Berlin kleben sahen. Walton – wer? Ein was – ein Tiermaler? Warum denn ausgerechnet der im Hamburger Bahnhof?

          Ja, warum denn ausgerechnet der? Die Welt der zeitgenössischen Kunst ist klein, und wer behauptet, dass heute einfach alles zeitgenössische Kunst sein könnte, macht sich was vor oder lügt. Ein Café, eine Talkshow, ein Arbeitsamt oder ein Hai in Formaldehyd können zeitgenössische Kunst sein, das stimmt; aber ein mit Kleber überschütteter Staubsauger hat noch immer größere Chancen, in einem Museum für Gegenwartskunst zu landen, als ein realistisch gemaltes Tier. Es gibt auch in der zeitgenössischen Kunst Regeln und den Normalfall – und der Normalfall sieht vor, dass Tiermaler bitte in Naturkundemuseen gezeigt werden.

          Im Sommer 2008 schien die Welt noch in Ordnung: Da richtete etwa das Oldenburger Museum Mensch und Natur eine große Ausstellung für den schwedischen Vogelmaler Lars Jonsson aus, ein absoluter Star der Tiermalerszene. Es gab einen Katalog dazu, in dem der Schriftsteller Fredrik Sjöberg einen sehr witzigen Essay schrieb, der die unausgesprochenen Regeln des zeitgenössischen Kunstbetriebs behandelte und mit Blick auf Jonsson feststellt: „Kann man noch deutlicher falschliegen?“ Was er meinte: Es kann fast alles Gegenwartskunst sein – außer realistischer Tiermalerei.

          „Chalo, Chalo, Chalo” von 1997
          „Chalo, Chalo, Chalo” von 1997 : Bild: Walton Ford, Courtesy Paul Kasmin Gallery

          Vieles an dieser Kunst ist traditionell

          Von heute an stimmt aber auch dieser Satz nicht mehr. Denn Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie Berlin und damit auch verantwortlich für den Hamburger Bahnhof, zeigt Walton Ford in einem Museum für Gegenwartskunst. Und damit tritt augenblicklich die erste Regel in Kraft, die spätestens 1914 mit Marcel Duchamps Flaschentrockner eingeführt wurde: Kunst ist, was im Museum steht. Womit noch nicht die Frage beantwortet wird, ob es denn auch gut ist. Ist also Walton Fords Tiermalerei gut?

          Ja, sie ist gut. Sogar hervorragend. Mit Ford wurde ohne Zweifel einem besonderen Künstler die Bühne gegeben. Geboren wurde er 1960 in New York, er studierte an der renommierten Rhode Island School of Design und lebt nun mit seiner Familie in dem kleinen Städtchen Southfield im Bundesstaat Massachusetts. Vieles an seiner Kunst ist traditionell: Er malt und zeichnet mit Aquarell, Gouache, Tinte und Bleistift auf Papier. Die niedrigen Horizontlandschaften im Hintergrund verdanken sich offensichtlich der Hudson River School, also der amerikanischen Landschaftsmalerei des neunzehnten Jahrhunderts. Wer einmal in Texas war, weiß auch, dass das monumentalisierte Tier ebenfalls eine amerikanische Eigenheit ist. In Europa muss schon ein General oder ein König auf einem Pferd sitzen, damit es als Statue aufgestellt werden kann. In Amerika sind riesige Skulpturen von galoppierenden Mustangs oder aufsteigenden Adlern dagegen keine Seltenheit. Und natürlich war es auch ein Amerikaner, der im neunzehnten Jahrhundert als Erster auf die Idee kam, ein Buch herauszubringen, das alle amerikanischen Vögel in Lebensgröße zeigt: John James Audubon. Zwischen 1828 und 1837 erschien sein Buch „Birds of America“, ein Buch so groß wie ein Schrank, produziert mit den Druckerpressen der englischen Marine, die sonst für die Herstellung nautischer Karten vorgesehen waren.

          Ein paar Worte zu John James Audubon

          Zu Audubon muss man ein paar Worte sagen, wenn man von Ford spricht: In Amerika kennt ihn jedes Kind, Audubons „Birds of America“ sind dort so berühmt wie hierzulande Dürers Hase, und die „Audubon Society“, ein Verein für Naturfreunde, zählt mehr Mitglieder als der ADAC-Motorklub. Audubon gilt als Erfinder von mindestens einer umwälzenden Neuerung in der Geschichte naturhistorischer Abbildungen: Mit ihm zog die Gewaltdarstellung in die Vogelkunde ein. Pracht und Schönheit tunkte er in Blut und Exkremente. Ein blutender Hase uriniert bei ihm etwa vor Schreck, als er von einem Adler in die Luft gehoben wird – ganz wie Rembrandts berühmter Ganymed.

          Man wäre ein schlechter Historiker, wenn man Audubons Faible für Gewalt im Tierreich einfach Realismus nennen würde. Denn natürlich erzählte Audubon unfreiwillig mindestens genauso viel über die Menschen, die unter demselben Himmel lebten wie die Vögel, die er malte. Er, der 1785 auf Haiti geboren wurde, ein uneheliches Kind, das ein französischer Kapitän und Plantagenbesitzer einer Kreolin hinterlassen hatte, die kurz nach der Geburt starb, ließ die Vögel als inszeniertes Naturschauspiel die eigene Welt in verdeckten Rollen nachspielen. Seine Kindheit in der Kolonialzeit, seine Jugend im Frankreich der Revolutionsjahre, seine Übersiedlung nach Amerika, die Inbesitznahme der amerikanischen Landschaft durch die weißen Siedler und die Ausrottung der Indianer.

          Die Vorgeschichte zu den Klimaschutz-Debatten

          Und eben an diesem Punkt nimmt Ford den Faden auf. Seine Tiere zeichnet er nicht nach dem Leben, sondern nach historischen Vorlagen und wie Audubon fast immer in Lebensgröße. Aber es sind Bilder von Szenen, die bisher ohne Bild geblieben waren. Sie erzählen eine Geschichte, von der wir erst langsam zu verstehen beginnen, dass nicht die Natur, sondern wir sie verfasst haben. Zu jedem Gemälde gehört ein Text. Zu den Beuteltigern heißt es etwa: „Seit sie sich am Bluff River niedergelassen haben, töteten und schlachteten diese Siedler eine große Anzahl von Tigern.“ Es ist der Anfang eines Artikels von 1887, der in der Zeitung „Tasmanian Mail“ erschien. „Segensreich“ sei dieses Vorgehen, heißt es dort weiter, und „verheerende Schäden“ habe der Tiger angerichtet. Ford malt den Beuteltigerberg, ein Bild, das es 1887 nicht gegeben hätte. Wer das Bild ansieht, den Kadaverhaufen, weiß, dass die verheerenden Schäden in Wirklichkeit die Siedler anrichteten, nicht die Tiere, die sie beschuldigten. Der Beuteltiger wurde ausgerottet.

          Fords Bilder handeln also von Menschen und dem, was sie über Tiere sagen. Wiederbelebt wird damit nicht nur das Genre der Tierillustration, sondern im klassischen Sinne das Historienbild. Im neunzehnten Jahrhundert waren die Textquellen, bei denen sich Historienmaler bedienten, die Bibel, die antiken Mythen oder Sagen und die Geschichtsbücher. „Napoleon überquert die Alpen“, nannte Jacques-Louis David 1801 etwa sein berühmtes Historienbild, „Der Tod von General Wolfe“ heißt ein anderes von Benjamin West. Ford hat eine neue Textquelle angebohrt: Er schöpft aus Reiseberichten, naturkundlichen Büchern und wissenschaftlichen Journalen. Und er entnimmt ihnen die merkwürdigen Geschichten, in denen Menschen von Tieren erzählen und sich dabei selbst porträtieren. Ford nimmt ihren Surrealismus ernst. Er malt ihre Lügen aus, die angeblichen Abenteuergeschichten, die Kriege, Intrigen und Hinterhalte. Es ist die Vorgeschichte unserer Debatten um Klima, Natur und Umweltzerstörung.

          Wem bei Tiermalerei noch immer nicht mehr als röhrende Hirsche einfallen und Herren in Lodenmänteln, sollte in den Hamburger Bahnhof gehen und sich Fords Gemälde ansehen. Früher handelten Historiengemälde von Helden, Heiligen und Generälen. Seitdem wir wissen, dass die Natur eine Geschichte hat, die wir täglich schreiben, handeln die Historiengemälde der Gegenwart von Eisbären, Gorillas oder Beuteltigern.

          Weitere Themen

          Keine Anklage gegen RTL-Team

          Punkt-12-Bericht zu Pädophilie : Keine Anklage gegen RTL-Team

          Männer prügeln auf einen Unschuldigen ein, den sie versehentlich für einen Pädophilen aus einem „Punkt 12“- Beitrag halten: Dass RTL-Journalisten dafür Verantwortung zuzuweisen sei, hat ein Gericht nun verneint.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.