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Der Tiermaler Walton Ford : Kann man noch deutlicher falschliegen?

  • -Aktualisiert am

Bevor der Tasmanische Tiger ausgerottet wurde, sagte man ihm nach, verheerende Schäden in der Natur anzurichten: Walton Fords „The Island” von 2009. Bild: Walton Ford, Courtesy Paul Kasmin Gallery

Bei Tiermalerei denken viele noch immer nur an röhrende Hirsche. Das ist ein Irrtum - wie die riesigen Gemälde von Walton Ford beweisen, die von heute an im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen sind. Fords lebensgroße Tiger, Gorillas oder Wölfe sind die Historienbilder der Gegenwart.

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          Das Triptychon mit den Tasmanischen Beuteltigern, das Sie in der Bilderleiste abgebildet sehen, ist in Wirklichkeit viel, viel größer: Es misst drei Meter in der Höhe und fast viereinhalb Meter in der Breite. Das ist ein Format, wie wir es sonst von den Tapisserien aus der königlichen Manufaktur von Ludwig XIV. kennen – oder den riesenhaften Historiengemälden der Kunstgeschichte. Und alle Bilder, die Sie hier abgebildet sehen, sind gleichzeitig auch ein Experiment. Denn einigen Vertretern des zeitgenössischen Kunstbetriebs war schon im Vorfeld der Ausstellung das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als sie die ersten Ausstellungsplakate in Berlin kleben sahen. Walton – wer? Ein was – ein Tiermaler? Warum denn ausgerechnet der im Hamburger Bahnhof?

          Ja, warum denn ausgerechnet der? Die Welt der zeitgenössischen Kunst ist klein, und wer behauptet, dass heute einfach alles zeitgenössische Kunst sein könnte, macht sich was vor oder lügt. Ein Café, eine Talkshow, ein Arbeitsamt oder ein Hai in Formaldehyd können zeitgenössische Kunst sein, das stimmt; aber ein mit Kleber überschütteter Staubsauger hat noch immer größere Chancen, in einem Museum für Gegenwartskunst zu landen, als ein realistisch gemaltes Tier. Es gibt auch in der zeitgenössischen Kunst Regeln und den Normalfall – und der Normalfall sieht vor, dass Tiermaler bitte in Naturkundemuseen gezeigt werden.

          Im Sommer 2008 schien die Welt noch in Ordnung: Da richtete etwa das Oldenburger Museum Mensch und Natur eine große Ausstellung für den schwedischen Vogelmaler Lars Jonsson aus, ein absoluter Star der Tiermalerszene. Es gab einen Katalog dazu, in dem der Schriftsteller Fredrik Sjöberg einen sehr witzigen Essay schrieb, der die unausgesprochenen Regeln des zeitgenössischen Kunstbetriebs behandelte und mit Blick auf Jonsson feststellt: „Kann man noch deutlicher falschliegen?“ Was er meinte: Es kann fast alles Gegenwartskunst sein – außer realistischer Tiermalerei.

          „Chalo, Chalo, Chalo” von 1997

          Vieles an dieser Kunst ist traditionell

          Von heute an stimmt aber auch dieser Satz nicht mehr. Denn Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie Berlin und damit auch verantwortlich für den Hamburger Bahnhof, zeigt Walton Ford in einem Museum für Gegenwartskunst. Und damit tritt augenblicklich die erste Regel in Kraft, die spätestens 1914 mit Marcel Duchamps Flaschentrockner eingeführt wurde: Kunst ist, was im Museum steht. Womit noch nicht die Frage beantwortet wird, ob es denn auch gut ist. Ist also Walton Fords Tiermalerei gut?

          Ja, sie ist gut. Sogar hervorragend. Mit Ford wurde ohne Zweifel einem besonderen Künstler die Bühne gegeben. Geboren wurde er 1960 in New York, er studierte an der renommierten Rhode Island School of Design und lebt nun mit seiner Familie in dem kleinen Städtchen Southfield im Bundesstaat Massachusetts. Vieles an seiner Kunst ist traditionell: Er malt und zeichnet mit Aquarell, Gouache, Tinte und Bleistift auf Papier. Die niedrigen Horizontlandschaften im Hintergrund verdanken sich offensichtlich der Hudson River School, also der amerikanischen Landschaftsmalerei des neunzehnten Jahrhunderts. Wer einmal in Texas war, weiß auch, dass das monumentalisierte Tier ebenfalls eine amerikanische Eigenheit ist. In Europa muss schon ein General oder ein König auf einem Pferd sitzen, damit es als Statue aufgestellt werden kann. In Amerika sind riesige Skulpturen von galoppierenden Mustangs oder aufsteigenden Adlern dagegen keine Seltenheit. Und natürlich war es auch ein Amerikaner, der im neunzehnten Jahrhundert als Erster auf die Idee kam, ein Buch herauszubringen, das alle amerikanischen Vögel in Lebensgröße zeigt: John James Audubon. Zwischen 1828 und 1837 erschien sein Buch „Birds of America“, ein Buch so groß wie ein Schrank, produziert mit den Druckerpressen der englischen Marine, die sonst für die Herstellung nautischer Karten vorgesehen waren.

          Ein paar Worte zu John James Audubon

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