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Der Tiermaler Walton Ford : Kann man noch deutlicher falschliegen?

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Zu Audubon muss man ein paar Worte sagen, wenn man von Ford spricht: In Amerika kennt ihn jedes Kind, Audubons „Birds of America“ sind dort so berühmt wie hierzulande Dürers Hase, und die „Audubon Society“, ein Verein für Naturfreunde, zählt mehr Mitglieder als der ADAC-Motorklub. Audubon gilt als Erfinder von mindestens einer umwälzenden Neuerung in der Geschichte naturhistorischer Abbildungen: Mit ihm zog die Gewaltdarstellung in die Vogelkunde ein. Pracht und Schönheit tunkte er in Blut und Exkremente. Ein blutender Hase uriniert bei ihm etwa vor Schreck, als er von einem Adler in die Luft gehoben wird – ganz wie Rembrandts berühmter Ganymed.

Man wäre ein schlechter Historiker, wenn man Audubons Faible für Gewalt im Tierreich einfach Realismus nennen würde. Denn natürlich erzählte Audubon unfreiwillig mindestens genauso viel über die Menschen, die unter demselben Himmel lebten wie die Vögel, die er malte. Er, der 1785 auf Haiti geboren wurde, ein uneheliches Kind, das ein französischer Kapitän und Plantagenbesitzer einer Kreolin hinterlassen hatte, die kurz nach der Geburt starb, ließ die Vögel als inszeniertes Naturschauspiel die eigene Welt in verdeckten Rollen nachspielen. Seine Kindheit in der Kolonialzeit, seine Jugend im Frankreich der Revolutionsjahre, seine Übersiedlung nach Amerika, die Inbesitznahme der amerikanischen Landschaft durch die weißen Siedler und die Ausrottung der Indianer.

Die Vorgeschichte zu den Klimaschutz-Debatten

Und eben an diesem Punkt nimmt Ford den Faden auf. Seine Tiere zeichnet er nicht nach dem Leben, sondern nach historischen Vorlagen und wie Audubon fast immer in Lebensgröße. Aber es sind Bilder von Szenen, die bisher ohne Bild geblieben waren. Sie erzählen eine Geschichte, von der wir erst langsam zu verstehen beginnen, dass nicht die Natur, sondern wir sie verfasst haben. Zu jedem Gemälde gehört ein Text. Zu den Beuteltigern heißt es etwa: „Seit sie sich am Bluff River niedergelassen haben, töteten und schlachteten diese Siedler eine große Anzahl von Tigern.“ Es ist der Anfang eines Artikels von 1887, der in der Zeitung „Tasmanian Mail“ erschien. „Segensreich“ sei dieses Vorgehen, heißt es dort weiter, und „verheerende Schäden“ habe der Tiger angerichtet. Ford malt den Beuteltigerberg, ein Bild, das es 1887 nicht gegeben hätte. Wer das Bild ansieht, den Kadaverhaufen, weiß, dass die verheerenden Schäden in Wirklichkeit die Siedler anrichteten, nicht die Tiere, die sie beschuldigten. Der Beuteltiger wurde ausgerottet.

Fords Bilder handeln also von Menschen und dem, was sie über Tiere sagen. Wiederbelebt wird damit nicht nur das Genre der Tierillustration, sondern im klassischen Sinne das Historienbild. Im neunzehnten Jahrhundert waren die Textquellen, bei denen sich Historienmaler bedienten, die Bibel, die antiken Mythen oder Sagen und die Geschichtsbücher. „Napoleon überquert die Alpen“, nannte Jacques-Louis David 1801 etwa sein berühmtes Historienbild, „Der Tod von General Wolfe“ heißt ein anderes von Benjamin West. Ford hat eine neue Textquelle angebohrt: Er schöpft aus Reiseberichten, naturkundlichen Büchern und wissenschaftlichen Journalen. Und er entnimmt ihnen die merkwürdigen Geschichten, in denen Menschen von Tieren erzählen und sich dabei selbst porträtieren. Ford nimmt ihren Surrealismus ernst. Er malt ihre Lügen aus, die angeblichen Abenteuergeschichten, die Kriege, Intrigen und Hinterhalte. Es ist die Vorgeschichte unserer Debatten um Klima, Natur und Umweltzerstörung.

Wem bei Tiermalerei noch immer nicht mehr als röhrende Hirsche einfallen und Herren in Lodenmänteln, sollte in den Hamburger Bahnhof gehen und sich Fords Gemälde ansehen. Früher handelten Historiengemälde von Helden, Heiligen und Generälen. Seitdem wir wissen, dass die Natur eine Geschichte hat, die wir täglich schreiben, handeln die Historiengemälde der Gegenwart von Eisbären, Gorillas oder Beuteltigern.

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