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Tenor Neil Shicoff wird 70 : Durch ihn sprechen vergangene Seelen

  • -Aktualisiert am

Im Werther-Fieber: Neil Shicoff Bild: Imago

Als Darsteller verstand er sich als Al Pacino der Oper und bekam als Werther einen Weinkrampf auf der Bühne. Der aus Brooklyn stammende Tenor Neil Shicoff wird siebzig Jahre alt.

          Es ist eine alte Maxime, dass die Tränen des Schauspielers aus dem Verstande rinnen müssen oder, wie Ferruccio Busoni sagte, dass ein Künstler, der rühren will, selbst nicht gerührt sein dürfe. Zu dieser Distanz konnte und wollte sich Neil Shicoff, der „begabteste amerikanische Tenor seiner Generation“ (so Peter G. Davis in „The American Opera Singer“) nie verstehen.

          Der aus Brooklyn gebürtige Neil Shicoff stammt aus einer Kantoren-Familie. Sein Großvater war ebenso Kantor wie sein Vater in Sydney, der in Brooklyn als charismatischer Chasan bekannt war. Beim ersten Vorsingen an der Juilliard School noch abgelehnt, fand der 22-jährige Shicoff dort in der Sopranistin Jenny Tourel eine hervorragende Lehrerin. Sein Bühnendebüt gab er 1975 als Narraboth („Salome“) in Washington. Nach dem Tod von Richard Tucker, dem amerikanischen Tenor-Idol für drei Jahrzehnte, wurde er von James Levine für eine Aufführung von Giuseppe Verdis „Ernani“ in Cincinnati engagiert.

          Am 15. Oktober 1976 sang er als Rinuccio in Giacomo Puccinis „Gianni Schicchi“ die erste von mehr als zweihundert Aufführungen an der Met. In der Hierarchie stand er in den folgenden drei Jahrzehnten jedoch im Schatten von Plácido Domingo und Luciano Pavarotti. Als Darsteller verstand er sich als Al Pacino der Oper und berief sich auf das Method Acting: „Die größten Herausforderungen liegen für mich in der Darstellung destruktiver Charaktere. Werther ist ein unglaublich destruktiver Charakter. Er ist unfähig, das Wort ,nein‘ als Antwort zu akzeptieren. Kein Zufall, dass Hoffmann, der unglaublich selbstzerstörerisch ist, zu meinen besten Rollen gehört. Don José wird psychotisch.“

          Klagender Klang in der Stimme

          Selbstbeschreibungen eines „verstörten Egomanen“, wie wiederum Peter G. Davis bemerkte, oder eines von panischen Auftrittsängsten geplagten Sensibilissimus, der in einer Aufführung des „Werther“ die Tränen des liebesleidenden Helden nicht im Klang der Stimme spürbar machte, sondern einen Weinkrampf erlitt? Oder der sich in „Carmen“ so sehr in die Eifersuchtswut des Don José hineinsteigerte, dass er die Kontrolle über das Messer verlor und seine Partnerin verletzte. Seine eigene Erklärung: „Das Singen und das Darstellen ist eine einsame Angelegenheit, weil man ständig mit seinen eigenen Ängsten zu ringen hat, wenn man versucht, sein Innerstes durch die Empfindungen eines anderen Charakters auszudrücken. Wenn es einem gelingt, zittert man vor innerer Anspannung und Erregung. Es ist eine sinnlich-sexuelle und eine spirituelle Erfahrung.“

          Diese Gestimmtheit – oder innere Disposition oder Egoismus? – bildet sich in seiner Stimme ab. Ihr oft klagender Klang, oft nahe einem Leidensschrei, ist das Erbe jüdischer Kantoren-Tradition. Diese affettuose Manier ist mit der Musik des italienischen Belcanto nicht und auch mit der von Verdi nur schwer vereinbar. Und doch überzeugt Shicoff, wenn er dem Edgardo aus „Lucia di Lammermoor“ die Aura eines düsteren Helden aus der Welt von Byron gibt. Mag der Titelheld von Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ stilistisch idiomatischer gesungen worden sein, so hat Shicoff die Ambivalenz dieser tief gespaltenen Künstlerfigur mit all ihren verstörenden erotischen Phantasien suggestiver deutlich gemacht als seine Kollegen.

          Aufführungen von Jacques Halévys „La Juive“, zuerst 1999 in Wien, dann 2004 in New York, wurden zu persönlichen Ritualen. Zur Erinnerung legte er den Gebetsmantel an, den sein Vater getragen hatte. Und mit einem aus kollektiver Leiderfahrung kommenden Pathos sagte er: „Ich möchte, dass die Seelen derer, die in den Jahres des Krieges in den Lagern starben, durch mich sprechen.“ Zwei Mitschnitte – von 1999 aus Wien und von 2007 aus Paris – lassen sich, wenn überhaupt, nur schwer mit dem „kritischen Ohr“ hören. Sie bestätigen: „Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst“ (Goethe). An diesem Sonntag wird Neil Shicoff siebzig Jahre alt.

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