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Ulrike Folkerts als Lena Odenthal : Die Katze als Kampfhund

Seit 1989 im Einsatz: Ulrike Folkerts als Lena Odenthal Bild: SWR/Krause-Burberg

Kleider und Röcke trägt sie nicht, Privatleben findet kaum statt, bleibt nur noch die Profession: Als Kommissarin Lena Odenthal ist Ulrike Folkerts stets bissig im Einsatz. Eine Würdigung zum zehnjährigen Dienstjubiläum 1999.

          3 Min.

          „Lischka lächelt“, lautet die Schlagzeile über der Gerichtsreportage. Nico, die Tochter des Entführers, hat die Zeitungsartikel über ihren Vater in ihr Poesiealbum geklebt, ein letzter väterlicher Gruß vom Erzeuger, bevor er im Zuchthaus verschwindet. In den zehn Jahren, die seitdem vergangen sind, haben die zwölf Millionen Dollar Lösegeld in ihrem Versteck Schimmel angesetzt, Lischkas Frau hat sich mit einem Fernfahrer eingelassen, aus Nico ist ein Mädchen geworden, das ihrem brutalen Vater nicht ganz so ähnlich ist, wie es selbst zuweilen glaubt, Lischkas Komplizen haben auf ihren Anführer gewartet, der als einziger das Versteck der Beute kennt und die Kommissarin Lena Odenthal hat fünfzehn Fälle gelöst. Jetzt wird Lischka freigelassen, weil es ein Jubiläum zu feiern gilt. Zum zehnjährigen Dienstjubiläum als Ludwigshafener Kommissarin darf Ulrike Folkerts als Lena Odenthal eine „Offene Rechnung“ begleichen. Es ist eine Rechnung, die sich gewaschen hat.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Als Lena Odenthal in der „Tatort“-Folge „Die Neue“ ihren ersten Fall löste, galt die Schauspielerin Ulrike Folkerts als Entdeckung. Sie war die dritte Kommissarin aus dem Südwesten, nach Nicole Heesters als Marianne Buchmüller und Karin Anselm als Hauptkommissarin Wiegand. Nachdem ihre Vorgängerinnen vergeblich versucht hatten, Profession, Privatleben und Kleiderordnung zu vereinen, wagte Ulrike Folkerts den Neuanfang, indem sie kurzerhand zwei Drittel des Problems strich. Kleider und Röcke trägt sie nicht, Privatleben findet kaum statt, bleibt nur noch die Profession. Sie wird mit höchstem Einsatz bestritten. Gelegentliche Irritationen erotischer Art, etwa durch den verdeckten Ermittler Ben Broder (in der Folge „Der schwarze Engel“) werden letztlich ebenso energisch abgeschüttelt wie Zweifel an den eigenen Methoden, die vor allem aus Alleingängen bestehen.

          Allein auf der Pirsch

          Während Hunde meistens in der Meute hetzen, sofern sie nicht, wie der wunderbare Hans-Günter Martens als Kriminalrat Friedrichs, listige, alte Teckel sind, die lieber in der geheizten Schreibtischstube jagen, geht Lena Odenthal wie eine Katze am liebsten allein auf Pirsch. Nur ist das Anschleichen ihre Sache nicht: Lena ist laut. Fluchend bricht sie durchs Ludwigshafener Unterholz, unwirsch, mit herrischer Geste, wischt sie den Vorhang in Lischkas Wohnung beiseite, zornbebend und schreiend stürmt sie zur Besichtigung des Tatorts. Ohne Blaulicht, das braucht sie nicht, das hat sie internalisiert. Zuweilen gleicht Lena Odenthal einer Katze, die sich für einen Kampfhund hält: ohne Rücksicht auf die Grenzen der Kiefermechanik ins Wollknäuel verbissen.

          Mitunter haben Ulrike Folkerts und ihre Drehbuchautoren des Guten etwas zuviel getan. Man muss ja nicht gleich wie Hannelore Elsner aus dem Morddezernat eine jener Cocktail-Bars machen, in die sich Frauen nur im kleinen Schwarzen wagen, aber wenn Ulrike Folkerts eine Bar betritt, hat man Angst um den hünenhaften Türsteher. Lena Odenthals Angriffslust wächst umgekehrt proportional zu ihren Erfolgschancen. Dass sie Lischka, dem Entführer, der die junge, unerfahrene Kommissarin vor zehn Jahren bei der Lösegeldübergabe übertölpelt hat, um jeden Preis die Millionen abjagen will, hat nicht nur professionelle, nicht nur ehrenwerte Gründe. Im Gerechtigkeitssinn haust die Rachsucht, im Eintreten für das Opfer, den jungen, seit der Entführung verkrüppelten Thomas Berberich, verbirgt sich der Hass auf den Täter, der das besser weiß als Lena selbst. Auch deshalb lächelt Lischka.

          Gelungenes Jubiläum

          „Offene Rechnung“, nach einem Drehbuch von Norbert Ehry von der Regisseurin Connie Walther in Szene gesetzt, ist ein gelungenes Jubiläum für Lena Odenthal, eine der besten „Tatort“-Folgen seit langem und eine bittere Pille für die Kommissarin. Denn die Geschichte, die sich an die Entführung des Millionenerben Oetker in den siebziger Jahren anlehnt, nimmt eine unerwartete Wendung ins Tragische. Die Rechnung wird beglichen, aber der Preis ist zu hoch. Am Ende verliert Lischka nicht nur die Millionen, die in ihrem Versteck auf dem Friedhof den Weg allen Fleisches eingeschlagen haben, sondern auch seine Tochter.

          Wie in der klassischen Tragödie gibt es zuletzt nur Opfer, unschuldig und schuldhaft schuldig Gewordene. Nico, die auf der Suche nach dem unbekannten Vater dessen Opfer aufsucht und sich in den verkrüppelten Klavierlehrer verliebt, wird von Lischkas Komplizen entführt, der Erpresser wird zum Erpressten. Dass das Mädchen zwischen die Fronten geriet, hat der Vater nicht mehr zu verantworten als die Kommissarin: Beide haben Nico für ihre Pläne benutzt und in Gefahr gebracht. Lischka und Lena sind sich ähnlicher, als der Kommissarin lieb sein kann.

          Als Ulrike Folkerts vor zehn Jahren ihren ersten Fall löste, galt die bis dahin unbekannte Theaterschauspielerin zu Recht als Entdeckung. Alles was man damals über Ulrike Folkerts sagen konnte, muss man heute über Lilia Lehner als Nico sagen. Huub Staapel als Lischka ist großartig, aber Lilia Lehner als Nico ist ein Gesicht, das man in Zukunft öfter auf dem Bildschirm sehen möchte. Nicht erst in zehn Jahren und nicht nur im „Tatort“.

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