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Neuer „Tatort“ aus Stuttgart : So stellt man sich Männerfreunde vor

  • -Aktualisiert am

Das neue Stuttgarter Duo startet temporeich in die Nach-Bienzle-Zeit Bild: SWR

Was für eine Premiere: Mit den Kommissaren Lannert und Bootz bricht im Stuttgarter „Tatort“ die Nach-Bienzle-Zeit an. Es wird mächtig aufs Tempo gedrückt, und das Beste dabei ist: Keiner schwäbelt.

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          Fünfzehn Jahre lang gingen die Uhren im Stuttgarter „Tatort“ gemächlicher als im Rest der Republik. So lange hatte der SWR dort alle Wecker konsequent auf Lokalzeit gestellt. Fünfzehn Jahre lang schien es unter diesen Vorzeichen unvorstellbar, dass ein Tag in der „Schwabenmetropole“ nur vierundzwanzig Stunden haben sollte wie anderswo. Er wirkte immer doppelt so lang. Fünfzehn lange Jahre, in denen Hauptkommissar Bienzle (Dietz-Werner Steck) mit ruhiger Hand ermittelte und nicht selten aussah wie Columbo als Standbild. Mit Bienzle verging die Zeit nicht, sie schlich dahin, wenn sie einfror. Fünfzehn Jahre lang, die im Nachhinein wie dreißig wirken.

          Jetzt ist alles, aber eigentlich nur fast alles anders im „Tatort“ aus Stuttgart. Neu und vielversprechend sind die Hauptkommissare und ihr Team, schneller sind ihre Fälle erdacht und dramatischer geschnitten als früher. „Der neue SWR-,Tatort' ist ein echter Großstadtkrimi“, schwärmt Peter Boudgoust, der Intendant des SWR, und hat damit ganz recht.

          Vor allem, aber nicht nur, liegt das an den Hauptkommissaren Lannert und Bootz. Richy Müller und der vorwiegend am Theater spielende Felix Klare geben sie als oberflächlich ganz unterschiedliche Typen, die sich laut Drehbuch (Holger Karsten Schmidt) und Regie (Elmar Fischer) aber auf Augenhöhe begegnen.

          Richy Müller (r.) als Thorsten Lannert und Felix Klare als Sebastian Bootz
          Richy Müller (r.) als Thorsten Lannert und Felix Klare als Sebastian Bootz : Bild: dpa

          Harter Knochen auf der Flucht

          Sebastian Bootz (Felix Klare) ist ein beruflicher Überflieger Anfang dreißig, verheiratet, tolle Frau, mit zwei kleinen Kindern, in dessen Stuttgarter Ermittlungsgruppe ein lockerer Ton herrscht. Thorsten Lannert (Richy Müller) dagegen hat gerade in Hamburg aus unbekannten Gründen die große Flatter gemacht, nachdem er als verdeckter Ermittler vier Jahre auf der Straße war.

          Der Mittvierziger mit „Street Credibility“ hat sich erfolgreich auf die freie Planstelle beworben und tritt seinen Dienst ausgerechnet am Geburtstag seines neuen Partners an, als im Präsidium zum Sekt mit der aparten Staatsanwältin Alvarez (Carolina Vera), der serbokroatischen Kriminaltechnikerin Banovic (Miranda Leonhardt) und dem Pathologen Vogt (Jürgen Hartmann) nur noch die gemütlichen Schnittchen fehlen. Der Karrierepolizist, der vier Semester Kriminalpsychologie studiert hat, und der harte Knochen auf der Flucht beschnuppern und taxieren sich, sind sich nicht gerade sympathisch und müssen doch sofort in einer ziemlich witzigen Szene ein verliebtes Paar spielen.

          Auch das gehört zum neuen Stuttgarter „Tatort“: Mit umständlicher Figureneinführung und Exposition seiner Geschichte hält er sich nicht auf. Ein Mädchen mit Blumen im Haar taucht als Wasserleiche im Neckar auf. Durch seine Adoptiveltern auf die auf Auslandsadoptionen spezialisierte Agentur „New Life“ gestoßen und ansonsten ohne Anhaltspunkte, beschließen Lannert und Bootz, ihr neues gemeinsames Berufsleben in der Rolle zweier reicher Schwuler zu beginnen, denen zum Lebensglück nur noch ein Kleinkind aus Osteuropa fehlt. Dazu sitzen sie wie bei „Harry und Sally“ steif auf dem Sofa, versichern einer strengen Dame am Bildschirm, dass ihre Beziehung die nächsten zwanzig Jahre halten wird, halten Händchen und streicheln einander den Oberschenkel, bevor sie sich auf dem Parkplatz zickig eine Szene machen. Genau so stellt man sich den Beginn einer wunderbaren Männerfreundschaft vor.

          Witz, Wärme und Action

          Man ahnt die künftige, sicher nicht ohne Reibungsverluste entstehende Wärme im neuen „Tatort“ allerdings nicht nur in dieser Beziehung, man sieht sie auch. Für seine Darstellung Stuttgarts greift Elmar Fischer nicht auf kühle Glasfassadenhochhaus-Ästhetik, sondern sehr geschickt auf das urbane Retrodesign und den Siebziger-Jahre-Stil von Erfolgsserien wie „Die Straßen von San Francisco“ und „Kojak“ zurück. Neben warmen Braun- und Orangetönen erinnern vor allem die actionsatten Verfolgungsjagden an die Serien der Siebziger. Dass nach kurzer Zeit schon ein knallroter Oberklassewagen Stuttgarter Provenienz zu Schrott gefahren wird, gehört unbedingt dazu.

          Ihren ersten Fall „Hart an der Grenze“ lösen Bootz und Lannert mit Witz, Wärme, Action und großzügiger Auslegung der Dienstvorschriften. Von diesem stark auftrumpfenden Team möchten wir bald mehr sehen. Da trifft es sich gut, dass der Regisseur Fischer auch die zweite Folge gedreht hat und der Autor Schmidt am dritten Drehbuch für Lannert und Bootz schreibt. Und das Beste dabei: Keiner schwäbelt. Nur der wortkarge Pathologe, aber der kommt kaum vor.

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