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Fünfundzwanzig Jahre „Tatort“ (1994) : Das allmähliche Verschwinden der Aufklärer

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Landmarken des deutschen Kriminalgenres: Ein Essay über Ermittler und ihre Eigenheiten in Film und Fernsehen, von Fritz Langs Film „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ bis zu den „Tatort“-Folgen der Gegenwart (1994).

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          Am 26. Oktober 1969 strahlte die ARD den Kriminalfilm „Exklusiv“ aus. Es war der erste Auftritt des Fernsehkommissars Trimmel und der Auftakt zur Sendereihe „Tatort“, die jetzt, fünfundzwanzig Jahre nach diesem damals unterschätzten Kulturereignis, auf die dreihundertste Folge zuläuft. Bis heute ist ein Kennzeichen des „Tatort“ die sorgfältige Zeichnung der Ermittlerfiguren: Der Fernsehkommissar ist die mediengerecht vereinfachte Ausfertigung des Aufklärers schlechthin.

          Trimmels Spur führt weit zurück. Eine frühe Landmarke des deutschen Kriminalgenres ist Fritz Langs Film „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ aus dem Jahre 1931. Die Aufklärung des Verbrechens - ein psychopathischer Kindermörder geht um - gerät zum Wettrennen zwischen den wohlorganisierten Kräften der Unterwelt, die den Störenfried der Lynchjustiz zuführen wollen, und der Polizei, die die staatlich verfaßte Gerechtigkeit im Namen des Volkes durchzusetzen hat. Dem Staat steht eine Art Gegenstaat faschistoider Prägung gegenüber. Die Verbrecher wenden zwar durchschaubare Verfahren an, in die jedermann, bis hinunter zum letzten blinden Bettler, einbezogen ist; das abschließende Tribunal aber ist am Ende genauso finster, unberechenbar und blutrünstig wie die Taten, die es sühnen will.

          Eine Mahnung an die Ganoven: Macht „keen Quatsch“

          Gegen die falschen Aufklärer aber steht in „M“ der Kommissar Lohmann. Lohmann ist ein lebhafter, untersetzter, altersloser Mann, Zigarrenraucher und Kaffeetrinker, wahrscheinlich Hypertoniker. Er trägt einen Anzug mit zu kurzen Hosenbeinen, in seinem natürlich unaufgeräumten Büro agiert er in Hemdsärmeln, draußen im gedeckten Staubmantel mit unglücklicher Länge bis zum Oberschenkel, die zum Erkennungszeichen geworden ist und von deutschen Fernsehkommissaren bisweilen immer noch bevorzugt wird. Lohmann ist ein Staatsbeamter ohne Fehl. Seine Arbeit hat System: Zeugenbefragung, Spurensuche, Aktenstudium und logische Schlußfolgerung. Entscheidend jedoch sind schließlich Zufall und Intuition, durchaus vernunftlose, nicht erklärbare Erkenntnishilfen.

          Aber auch das nicht Erklärbare ist aufgehoben in Lohmanns wohlmeinend väterlicher Autorität. Vor allem sie machte ihn zum Prototyp des deutschen Film- und Fernsehkommissars. Die Ganoven sind seine „Kinder“, die er väterlich ermahnt, „keen Quatsch“ zu machen, und die ihn im Gegenzug mit infantilen „Lohmann, Lohmann“-Rufen begrüßen. Im Zusammentreffen mit ihnen tritt Lohmann grundsätzlich von oben, aus dem Licht her auf und behält so die Übersicht des Aufklärers aus der Höhe.

          Im Trachtenjanker zur Drogenparty

          Die familiäre und die staatliche Autorität, die in der patriarchalischen Figur des Vater-Beamten zusammenkommen, sind in „M“ Voraussetzungen für die Aufklärung des Verbrechens. Sie stehen jedoch zugleich für Strukturen, die Deutschland wenige Jahre später in die Katastrophe führen sollten. Diesem Zusammenhang widmete Lang vor 1933 zwei weitere Filme, „Dr. Mabuse, der Spieler“ und „Das Testament des Dr. Mabuse“, in denen er aufs neue Kommissar Lohmann ins Feld schickte, dieses Mal gegen die in der Titelfigur Mabuse gebündelten Kräfte des Bösen. Die Anspielung auf Hitler wurde sogleich verstanden. Das größte aller Verbrechen, der irrsinnige Plan zur Weltherrschaft, war nur im Film gerade noch zu verhindern.

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