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Bienzles letzter Fall (2007) : Er geht, einfach so

  • -Aktualisiert am

Macht Schluss: Dietz-Werner Steck als Kommissar Bienzle Bild: ddp

Der SWR-Kommissar Bienzle verabschiedet sich ganz leise. Sein fünfundzwanzigster Fall wird zwar gelöst - aber von Erleichterung ist keine Spur. Mit Dietz-Werner Steck tritt der letzte „Local Hero“ der „Tatort“-Reihe ab.

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          Er hat den Fall gelöst und den Kindermörder verhaftet. Doch dieser Erfolg macht ihn nicht zufrieden. Bienzle (Dietz-Werner Steck) kehrt heim und verlässt seine Wohnung gleich wieder, ohne erkennbares Ziel. Seine Lebensgefährtin Hannelore (Rita Russek) wollte ihm eine heiße Suppe servieren; die muss sie ohne den Kommissar löffeln.

          Bienzle, sonst ein anhänglicher Mann, der die Geborgenheit der eheähnlichen Beziehung braucht, will allein sein - alleine mit seiner Stadt Stuttgart, allein mit den Gedanken an die letzten, ihn zutiefst berührenden Ermittlungen, allein mit sich selbst.

          Der letzte „Local Hero“

          Der schwäbische Polizist verschwindet aus der „Tatort“-Szenerie so unaufdringlich, so leise, so verhalten, wie er sie Anfang der neunziger Jahre betreten hat. Bienzle repräsentiert bis heute den Typ des bodenständigen, heimatverbundenen Kommissars. Er ist der letzte Solitär und Vertreter jener Fahnder, die ihren Figuren mit Lokalkolorit, Mundart und regional eingefärbtem Eigensinn einen landsmannschaftlichen Charakter verleihen durften. Inzwischen ist das nicht mehr gefragt.

          Zum Abschied ein Kuss für Mantel und Hut
          Zum Abschied ein Kuss für Mantel und Hut : Bild: dpa

          Der Charme der Münchener, Hamburger, Berliner und Kölner Kommissare mag unterschiedlich daherkommen, mit ihrem jeweiligen Dienstort hat er wenig zu tun. Bienzle ist der letzte „Local Hero“ der Ermittlerszene, der Einzige, der seine Umgebung noch als Heimat empfindet. Er ist und war auch der bedächtigste, der stoischste, der zurückhaltendste Vertreter seiner Zunft.

          Trend zur Tempobolzerei

          Umso eruptiver, überraschender, ja, erschreckender wirken seine Ausbrüche, sein heiliger Zorn, seine Wut, seine explodierende Ungeduld. Eigentlich hätten die Fernsehverantwortlichen ihn unter Artenschutz stellen und weiter in freier Wildbahn ermitteln lassen sollen - den melancholischen Stuttgarter Polizisten mit dem seltenen, dann aber erstaunlich unschuldigen Lächeln, mit dem schleppenden Gang und der gebremsten Gestik.

          Bienzle ist heute, da die Fernseh-Kriminalisten häufig per Fechterflanke ins Bild springen, in ihren Büros oder abgedunkelten Labors zu telegenen Tobsuchtsanfällen neigen, zu Wettrennen mit Verdächtigen neigen und sich dem Diktat der ständigen Dynamik beugen, ein Fossil. Er widersetzt sich der Tempobolzerei, grübelt, grantelt und bewegt sich gegen den Trend.

          Schwaben-Connection: Schmidt & Bienzle

          Dies trug ihn so manchen Spott ein: Wer wie Bienzle einfach mal ehern am Schreibtisch sitzt, gilt als antiquiert, als Auslaufmodell. Solche Kritiken hat er sowenig verdient wie die schleichwerbeversuchte Episode, in der es um Raps und Ölheizungen ging (siehe: Nie gesendet: Schleichwerbung im „Tatort“). Zumal der SWR-Kommissar gute Quoten mit acht Millionen Zuschauern einfuhr und als angenehmer Kontrast zu den hyperventilierten Kollegen gelten muss.

          Gerade auch deswegen schätzt Harald Schmidt seinen Landsmann, und prompt verzichtet der Adabei-Satiriker mal auf sein Schandmaul. Der Night-Talker scheint „seinen“ Bienzle wirklich zu mögen. Schmidt kommt wie Stecks Kollegen, wie Bienzles geistiger Vater, der Autor Felix Huby, wie der Regisseur Hartmut Griesmayr und wie so mancher baden-württembergischer Prominenter in Frank Rothers heutigem Abschiedsgruß „Tschüss Bienzle“ zu Wort. Sie alle reden über Bienzle wie über eine Person aus der Wirklichkeit und kommen deshalb der Kunstfigur und ihrem kongenialen Darsteller besonders nah.

          Bedrückung statt „Viertele-Sentimentalität“

          Bienzles fünfundzwanzigster und letzter Fall am kommenden Sonntag ist glücklicherweise kein launiger Abgesang mit „Viertele“-Sentimentalität, sondern ein ernsthafter, ja bedrückender Fall. Suchtrupps der Polizei finden im Wald ein vermisstes Kind. Das elfjährige Mädchen wurde verschleppt, getötet, starb in fremden Kleidern. Die Sonderkommission findet Parallelen zu dem Mord an einem gleichaltrigen Mädchen im Vorjahr.

          Der damalige Ermittlungsleiter Hartwin Grossmann (Bernd Tauber) meinte seinerzeit, mit einem jungen Mann namens Kai Anschütz (Tobias Schenke) den Täter gefunden zu haben, konnte dies aber nicht beweisen. Grossmann musste den Dienst quittieren, weil er bei den Vernehmungen des Tatverdächtigten Gewalt anwendete.

          Kurz vor Abpfiff im Abseits

          Der ehemalige Polizist tritt jetzt wieder auf den Plan, fordert Bienzle auf, Anschütz verstärkt ins Visier zu nehmen. Doch Bienzle ist von dessen Unschuld überzeugt und steht mit seiner Meinung bald allein da. Selbst sein langjähriger Assistent Günter Gächter (Rüdiger Wandel) versteht seinen Chef nicht mehr. Bienzle sieht sich im Abseits.

          Als die elfjährige Ulrike Weber offenbar entführt wird und DNS-Spuren von Anschütz an der Handtasche des Mädchen gefunden werden, gerät Bienzle in eine seelische Notlage: Ist Anschütz doch der Täter? Hat Bienzle ihn unterschätzt? Hat er das Leben von Ulrike Weber fahrlässig gefährdet? Bienzle löst den Fall. Er könnte erleichtert sein, ist es aber nicht. Er spürt, wie schnell er hätte scheitern können, und geht - raus in die Stadt, irgendwohin, in „sein“ Stuttgart.

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