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Frankfurter Paulskirche : Für die großen Augenblicke

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Die Frankfurter Paulskirche bei der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2020. Empfänger des Preises war der indische Wirtschaftswissenschaftler, Philosoph und Nobelpreisträger Amartya Sen. Bild: dpa

Der spartanische Charakter der Frankfurter Paulskirche ist elementar für die Wirkung der Gedenkstätte. Nur so kann sie als Spiegelbild einer gelebten Demokratie empfunden werden. Ein Gastbeitrag.

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          Der Göttin namens Aura schrieb die griechische Mythologie ein mehrdeutiges Schicksal zu. Zuständig für die Morgenbrise, gehörte sie dem Titanengeschlecht an, handelte hochmütig, wurde von Dionysos geschwängert, verfiel dem Wahnsinn und wurde schließlich von Göttervater Zeus in einen fließenden Strom oder eine luftige Brise verwandelt. Mit so einer windigen Figur möchten die drei Autoren des Gutachtens, das der Bundespräsident zur Gestaltung der Frankfurter Paulskirche in Auftrag gab, nichts zu tun haben. Der Ort besitze keine ästhetische Evidenz und sei „ohne Aura“, die den Betrachter in die Vergangenheit mitnehme. „Erinnerungspolitisch“ handele es sich um ein Desaster.

          Man reibt sich die Augen. Es geht um dasselbe Gebäude, dessen Neuerrichtung nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als eben das gedacht war: ein Baukunstwerk von hohem Symbolwert. Der Aufruf, den die Stadt Frankfurt in den ersten Tagen des Jahres 1947 zum Wiederaufbau der Paulskirche erließ, richtete sich an das gesamte besiegte Land: „Ganz Deutschland muss die Paulskirche wieder aufbauen, von außen und von innen, im Stein wie Geiste!“ Aus der Erinnerung an das erste gewählte deutsche Parlament von 1848 entstand die Hoffnung auf ein neues demokratisches Staatswesen.

          In ihm war der Paulskirche als Versammlungsort und Festhaus eine zentrale Rolle zugedacht, zumal Frankfurt bis 1949 noch die Würde und Bürde einer Bundeshauptstadt anstrebte und einen geeigneten Parlamentssaal anzubieten suchte. Das Jahr zuvor, die Hundertjahrfeier des Paulskirchenparlaments, war als Fertigstellungsdatum des Wieder- oder besser Neuaufbaus erstrebt. Trotz Materialknappheit und dringendster Aufräumarbeiten in der zerstörten Stadt wurde der Termin auch eingehalten. Der Vergleich mit heutigen Planungs- und Bauzeiten bei öffentlichen Aufträgen liegt nahe.

          Auch Tauschobjekte wurden gespendet

          Die Adressaten des enthusiastischen Aufrufs reagierten wie erhofft. Für die Paulskirche wurden nicht nur Geld, Steine, Fichtenstämme und Dachpappe gespendet, sondern als Tauschobjekte gegen Handwerkerleistungen und Baumaterialien auch Kornsäcke, Zigarren und, von der Gemeinde Bergen-Enkheim, fünf Zentner Äpfel. Sogar die Sozialistische Einheitspartei beantwortete die Bitte des Frankfurter Oberbürgermeisters mit der Überweisung von 10.000 Mark.

          Auf die neuen Aufgaben bezieht sich jede formale Entscheidung, die von dem Architektenteam Gottlob Schaupp, dem Gewinner eines unter hessischen Architekten ausgeschriebenen Wettbewerbs, Stadtbaurat Eugen Blanck, dem Architekten Johannes Krahn und dem „Hauptplanleger“ Rudolf Schwarz getroffen wurde. Wie viele seiner Zeitgenossen war auch Schwarz von der Kirchenruine der Paulskirche tief beeindruckt: Mauerwerk in rauchgeschwärzten Sandsteinquadern, das kuppellose Oval zum Himmel offen. Verfall in römischer Größe. „Die große Ruine war weitaus herrlicher als das frühere Bauwerk“, meinte Schwarz, der sich wie so oft zum Wortführer machte. „So schön war das Bauwerk noch niemals gewesen, und wir erreichten, dass es so blieb.“

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