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Schlechter Telefon-Sound : Der Scatman funkt im Kellerloch

  • -Aktualisiert am

Also ich habe nicht ein Wort verstanden! - Wenn die Telekonferenz wieder klingt wie live aus dem Babyfon. Bild: Picture-Alliance

Beim digitalen Kommunizieren albträumen wir gerade die Verzerrungseffekte der Popmusik in grotesker Verdichtung. Wohl noch nie war die Telefon-Qualität so schlecht wie heute.

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          Angeblich hatte der Gitarrist des Bluessängers Howlin’ Wolf im Jahr 1951 seinen „Fender Deluxe“, einen damals gängigen Verstärker, einfach nur so laut wie möglich stellen wollen. Dabei entdeckte er, dass die so entstandene Übersteuerung sich gar nicht schlecht anhörte. Der Sound der verzerrten E-Gitarre, das Signum der Rockmusik schlechthin, war geboren. So erzählt es jedenfalls ein amerikanischer Experte für Gitarreneffekte, der in seinem Geschäft vor einer ganzen Wand von Effektpedalen sitzt. Sein Youtube-Video trägt den Titel „History of Distortion“. Die Geschichte der Verzerrung ist lang und interessant, bis hin zu den lautmalerischen und kuriosen Namen der Effekte: „Fuzz Tone“, „Fuzz Face“, „Jumbo Fuzz“, „Big Muff“ oder „The Rat“.

          Was gut für die Kunst ist, muss aber nicht zwingend gut fürs Leben sein: Nachdem es die Musik durchsetzt hatte, ist das Verzerrungsvirus auf die Telekommunikation übergesprungen. Seit der Erfindung des Handys, erst recht des Smartphones, haben wir uns an eigentlich unzumutbare Ferngespräche gewöhnt, bei denen der Partner wie ein kaputtes Radio klingt. Der Telefon-Sound, denkt man heute oft, war vor hundert Jahren dem jetzigen wahrscheinlich weit überlegen. Als wäre das nicht seltsam genug, albträumen wir nun bei der Arbeit die Klangeffekte der Popmusik in grotesker Verdichtung: in digitalen Konferenzen.

          Die Geschichte der Verzerrung wiederholt sich als Farce

          Wer hat ihn in den vergangenen Wochen nicht vernommen, jenen elvishaften Hall-Effekt, wenn alle Teilnehmer gleichzeitig ihr Mikrofon offen haben (Slapback Echo)? Wie oft erklingt jemandes Stimme wie aus einem Kellerloch (The Rat) oder zerhackt aus einer fahrenden S-Bahn (Scatman Sound)? Wie oft fällt eine Stimme einfach vorübergehend aus oder dringen unheimliche Geräusche unklarer Herkunft aus dem Äther (Hui-Buh-Effekt)? Eine Freundin erzählte gar, ihr Kollege habe während eines Zoom-Meetings sein Handy bei versehentlich angeschaltetem Mikro mit ins Bad genommen.

          Das Betätigen der Toillettenspülung habe auf die Mithörenden wie ein Atombombentest gewirkt (Jumbo Fuzz). Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis Konferenzteilnehmer Autotune über ihre Stimmen legen, um verstanden zu werden. Die Geschichte der Verzerrung wiederholt sich – als Farce. Wie verträgt sich das mit dem Märchen vom Fortschritt durch Digitalisierung? Nichts gegen Elvis oder verzerrte Gitarren, aber was Kommunikation angeht, wünschen sich viele Menschen auf der Welt gerade sehnlichst eine neue „Unplugged“-Ära.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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