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Peter Bichsel wird 80 : Des Schweizers Schweiz

Literarische Kurzformen liegen ihm. Ideologischen Fallstricken ist er stets ausgewichen. Dem politischen Poeten Peter Bichsel zum achtzigsten Geburtstag.

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          An seinen berühmtesten Titel wird man sich auch noch erinnern, wenn kein Mensch mehr weiß, was ein Milchmann ist. Mit der Geschichte der – gescheiterten – Begegnung von ihm und Frau Blum machte Peter Bichsel seine halbe literarische Karriere. Er hatte das Lehrerseminar absolviert und 1963 einen Schreibkurs von Walter Höllerer besucht. Schon im Jahr danach veröffentlichte er seine weithin beachtete Sammlung von Kurz- und Kürzestgeschichten: „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“. Für die folgenden „Die Jahreszeiten“, in denen die Realität „während des Erzählens wegschmilzt“, bekam er den Literaturpreis der Gruppe 47. Dann kamen die berühmten „Kindergeschichten“ und bald auch eine erste Sammlung von Peter Bichsels Zeitungskolumnen, aus denen sein literarisches Werk seither weitgehend besteht – auch sie mit einem Titel versehen, der zum helvetischen Mythos wurde: „Des Schweizers Schweiz“.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Es ist auch jene des Peter Bichsel. Den Beruf des Primarlehrers hatte er schnell aufgeben können, ein Lehrmeister der Nation ist er bis heute geblieben. Seine Stimme hat Gewicht, weil er sich nie in ideologische Irrtümer verstrickte. Anders als sein Landsmann und Freund Max Frisch misstraut er den Theorien der systematischen Opposition und globalen Gesellschaftskritik. Den kurzen Formen seiner Literatur entsprechen die kleinen Schritte in der Politik. Bichsel war Gewerkschafter und Berater des so biederen wie beliebten sozialdemokratischen Bundesrats Willi Ritschard. Er zelebriert einen Lebensstil, in dessen Mittelpunkt das radikale Bekenntnis zur Provinz steht. Bellach, das Dorf der Herkunft, und die Kleinstadt Solothurn sind die Koordinaten seiner alles andere als provinziellen Literatur. Bichsels legendärer Stammtisch ist ein Ort der Aufklärung und des Literaturbetriebs.

          Besser über das Wetter sprechen

          Und Bichsels Schweiz eine genauso radikal weltoffene, der Schriftsteller selbst ein weltläufiger Autor. In Deutschland erhielt er viele Auszeichnungen, in Frankfurt hielt er Poetikvorlesungen, Suhrkamp ist seine verlegerische Heimat. Dort sind gerade Bichsels jüngste Kolumnen erschienen. Der Aufsatz, der dem Sammelband „Über das Wetter reden“ das Motto aufdrängte, wurde geschrieben, als es sehr heiß war. Er handelt von einer Lesung im Goethe-Institut in München Jahrzehnte zuvor, bei der es genauso heiß war. Der Schriftsteller will damit keineswegs den Klimawandel beschwören oder widerlegen. Er sagt sich nur, dass er damals wohl besser über das Wetter gesprochen hätte.

          Denn von den versammelten Deutschlehrern mit anderen Muttersprachen wurde er offensichtlich nicht verstanden. Sie haben „in der Savanne mit viel Fleiß“ eine Sprache gelernt, „die es nicht gibt, eine Sprache, in der man gut über das Wetter reden kann“. Doch für den Schriftsteller als Kolumnist in der Muttersprache erweist sie sich als Utopie. Bichsels Landsmann, der Literaturwissenschaftler Peter von Matt, prophezeit bereits, dass aus genau diesen Texten „tausend namenlose Stimmen der heutigen Schweiz“ ertönen werden, wenn man sie „in hundert Jahren“ lesen wird. Heute wird Peter Bichsel erst einmal achtzig.

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