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Der Schriftsteller Jonathan Lethem : Post von Stalin und von meiner Mutter

  • -Aktualisiert am

Jonathan Lethem vor ein paar Jahren in Brooklyn. Zur Zeit liegt dort gerade etwas mehr Schnee. Bild: Getty Images

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem erzählt in seinem neuen Roman von einem Jahrhundert, in dem ideologische Konflikte ganze Familien zerstören konnten. Eine Begegnung in Berlin.

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          Berlin-Zehlendorf, unter der S-Bahn-Brücke hindurch, Toto-Lotto-Annahmestellen, Drogerien, kleine Geschäfte, graue Luft, das alte Berlin scheint hier wie in Kunstharz festgegossen. Eine Café-Bar, pastellfarben, Holz, himmelblaue Kissen, sicher der amerikanischste Ort in ganz Zehlendorf. Hier sitzt Jonathan Lethem, graumeliertes Haar, dunkle Schriftstellerbrille, ein deutscher Autor und Journalist erzählt ihm gerade die Lebensgeschichte Irmgard Keuns, wie sie die deutschen Behörden, die ihre Bücher verbrannt und verboten hatten, in den dreißiger Jahren auf Schadenersatz verklagte. Was sie schrieb, wie sie lebte, floh, zurückkehrte.

          Lethem hört gebannt zu, will wissen, ob es ihre Bücher auch auf Englisch gibt, warum er diese Geschichte noch nicht kennt, wie es weiterging und alles. Er wirkt total wissbegierig, neugierig, offener Blick, offenes Wesen. Es ist augenblicklich angenehm, in seiner Nähe zu sein, und sei es nur, um ihm beim Zuhören zuzusehen.

          Kommunisten, die nach Amerika auswandern

          Der amerikanische Autor Jonathan Lethem, 49, ist für fünf Monate Gast in der American Academy am Wannsee, er wurde berühmt mit seinem Roman „Festung der Einsamkeit“ (auf Deutsch 2004 erschienen) über die Kindheit eines weißen Jungen im schwarzen Brooklyn der siebziger Jahre, zuletzt erschien der New-York-Roman „Chronic City“ und „Fear of Music“, eine Erinnerung an die Talking Heads. Und in diesen Tagen erscheint auf Deutsch „Der Garten der Dissidenten“, ein deutsch-amerikanischer Familienroman, wieder aus Brooklyn, das ganze letzte Jahrhundert steckt darin, die Utopien, der Terror, das Fortleben des Schreckens in den Menschen von heute, den Enkeln und Urenkeln der Täter und Träumer.

          Der Irmgard-Keun-Erzähler verlässt das Café. Aber wir sind schon mittendrin, im Gespräch über Lethems Buch, in dem es um deutsche, um europäische Juden geht, Kommunisten, die nach Amerika auswandern. Einer von ihnen, Albert Zimmer, kehrt wieder zurück, geht in die DDR, nach Dresden, um dort seine Ideologie zu leben. Seine Ex-Frau, Rose, bleibt mit ihrer gemeinsamen Tochter Miriam zurück. Sie ist „Amerikas letzte Kommunistin“, so nennen ihre Freunde sie. Und ihre Feinde auch. Sie ist eine Frau von ungeheuerlicher Kraft und Energie, unerschütterlich in ihren Überzeugungen, fest verankert in einem Denksystem der Vergangenheit, aus dem sie nicht entkommen kann.

          Ein Buch über die Kraft der Illusion

          Von Rose geht alles aus. Sie ist das Energiezentrum dieses Buches, eine Romanfigur, die man so leicht nicht vergessen wird. Jonathan Lethem erzählt jetzt hier in diesem amerikanischen Café in Berlin von seiner eigenen Großmutter, die aus einem Schtetl irgendwo in Osteuropa stammte, die vor den Nazis nach Amerika geflohen und eine unbeugsame Kommunistin war. „Ich wusste als kleiner Junge ja noch nicht viel von Politik“, sagt Lethem, „aber diese Energie habe ich gespürt, und die war enorm. Wenn ich neben ihr auf dem Gehweg ging: Wie die einen Menschen, abgestoßen, schon von fern die Straßenseite wechselten, die anderen magisch von ihr angezogen wurden, das spürt man auch als kleiner Junge. Das war ganz stark. Das habe ich nicht vergessen.“

          Jonathan Lethems Roman „Der Garten der Dissidenten“ ist ein Buch über diese Kraft. Woher sie kommt, warum sie bleibt, was sie anrichtet – in Rose selbst, aber vor allem auch in den Menschen, die um sie sind, ihre Tochter, die Kinder ihrer Geliebten, Neffen, Enkel. Rose Zimmer hat im Grunde mit dem Bekanntwerden des Hitler-Stalin-Paktes ihre Illusionen alle verloren, die Grundlage ihrer Utopie ist für die Jüdin Rose endgültig erledigt. Wertlos, falsch, tödlich gefährlich. Aber diese Illusion, diese alte Utopie war der Kern ihres alten Lebens, war der Antrieb ihrer Flucht, war der Antrieb ihres Kampfes. Fällt sie weg, die alte Illusion, tritt nichts an ihre Stelle. Ein Vakuum, wo früher alles war.

          So setzen die Lügen ein, gewollte Blindheit. Wo früher eine flüssige, bewegliche Möglichkeitszukunft war, ist jetzt eine Betonwand der unhinterfragbaren Überzeugungen, Eisklumpen eines angeblich besseren Lebens, einer besseren Welt. Das macht ihr eigenes Leben grauenvoll, vor allem aber das Leben der Menschen in ihrer Umgebung. Sie ist unerbittlich, kalt, zynisch und gemein. Der Feind ist das Zurückweichen. Der Feind ist jeder Kompromiss. „Sie wollte die Welt befreien, aber sie versklavte jedes arme Würstchen, das sie in die Finger bekam“, schreibt Lethem über sie.

          Eine alleinerziehende Mutter, gefesselt an ihr Kind

          Ihr erstes Opfer ist Miriam, ihre Tochter. Als sie von Rose beim ersten Sex, beziehungsweise der Anbahnung dazu, überrascht wird, beginnt ein irrsinniger Kampf zwischen Mutter und Tochter, der darin gipfelt, dass Rose Miriam im Gasherd zu ersticken versucht. Eine grauenvolle Szene, die ebenso übertrieben wie glaubwürdig wirkt, durch den Redeschwall an Enttäuschungen, die Lethem Rose über ihrer Tochter ausgießen lässt. Es ist der Moment, in dem Rose eine Schreckenszukunft vor sich sieht, in der auch ihre Tochter ihre utopischen Träume nicht wird verwirklichen können. Nicht die von ihr, Rose, und nicht Miriams eigene: Miriam wird, als alleinerziehende Mutter, an ein Kind gefesselt, ein fremdbestimmtes Leben führen.

          Es ist der Romanmoment, in dem der Leser erkennt, dass auch Rose selbst natürlich längst schon weiß, dass sie eine Lüge lebt, dass sie ihre Träume ausgelagert hat, in das Leben ihrer Tochter hinein. Und dass ihre Angst davor, dass auch Miriam scheitern könnte, so groß und irrational ist, dass sie deren ersten Geschlechtsverkehr als endgültige Traumbeendigung begreift und ihre Tochter lieber sterben sieht, als ihren Traum langsam verdorren zu sehen. Ein Irrsinn und im Roman: unbedingt genau so möglich.

          Verkapselt in der eigenen Vergangenheit

          Jonathan Lethem hat einen Roman, Fiktion geschrieben und nicht die Geschichte seiner Familie. Manches von dem, was er im Roman schildert, hat er so erlebt, das meiste nicht. Lethem selbst ist in einer Hippie-Kommune aufgewachsen, sein Vater ist Maler, seine Mutter ist früh gestorben. Seine Eltern waren träumerische Utopisten. Sie wollten frei sein um jeden Preis und fühlten sich frei, sie waren aber gefangen in den Kämpfen ihrer Eltern. So hat Lethem sie erlebt. Das ist der Grundbass seines Buches. Die unsichtbaren Fesseln, die sich um die freiesten Menschen legten, die Fesseln, die Menschen von heute noch spüren, die Utopien folgen, politischen Utopien.

          „Der Idealismus jener Zeit beeindruckt mich heute als hauchdünne verlorene Welt von geradezu Proustscher Zartheit“, hat Lethem in einem Beitrag geschrieben, den er vor zehn Jahren für dieses Feuilleton über seine Familie verfasste. Im „Garten der Dissidenten“ geht er dieser Spur selbst mit beinahe Proustscher Zartheit nach. Liebevoll und unbarmherzig zugleich. Es sind schon sehr versehrte Kämpfer, die in dieser Welt versammelt sind. Verkapselt in ihrer eigenen Vergangenheit oder der ihrer Vorfahren.

          Briefe aus Dresden nach New York

          Am eindrucksvollsten wird der Generationen- und Traumkampf in den Briefen aufgeschrieben, die Miriam mit ihrem Vater Albert wechselt, der nach Dresden zurückgeflohen war, um in der DDR den wahren Sozialismus zu verwirklichen. Er schreibt vom amerikanischen Imperialismus, sie schickt ihm immer wieder Guernica-Postkarten aus New Yorker Museumsshops. Sie schreibt träumerische Astrologen-Mystik, die ihn auf die Palme bringt, er redet in Parteiformeln.

          Die Briefe dieses Albert sind denen ziemlich ähnlich, die Jonathan Lethems Großvater an seine Tochter schrieb. Ihre Briefe gibt es nicht mehr, nicht in der Wirklichkeit. In der Fiktion von Lethems Roman schreibt sie ihrem Vater am Ende einen furiosen Abschiedsbrief. Sie schreibt über ihn und seine geschiedene Frau, Miriams Mutter: „Ihr gleicht Euch darin, dass Ihr beide noch immer den Zweiten Weltkrieg auskämpft. Um die verbrannten Leichen trauert, die einen hier, die anderen dort. Und beide seht Ihr die Welt von heute nicht, wie sie ist. Ich würde keinem von Euch ein Kind anvertrauen – aber ich bin das Kind, das Euch anvertraut wurde.“

          Es ist, als wolle der Autor Jonathan Lethem mit diesem Brief seine eigene Mutter noch heute vor der ideologischen Stalin-Post aus Dresden mit einer schwungvollen Gegenrede schützen. Und sich selbst erklären, warum auch sie nicht den Konflikten ihrer Eltern entkam. Und dann gibt es im Roman ja noch den Gegenwartsteil, die Geschichte von Miriams Sohn, Sergius. Er nennt sich selbst Rückwärtsreisender und Zeitpilot und „gebürtiger amerikanischer Kommunist“. Als er, am Ende des Romans, eine Occupy-Aktivistin auf der Flughafentoilette liebt, wird er in Gewahrsam genommen, weil er verdächtig spät zur Sicherheitsschleuse kam.

          Der Raum für Utopien, der Freiheitsraum im Amerika von heute ist auf kaum noch sichtbare Winzigkeit geschrumpft. Das Flugzeug fliegt dann ohne Sergius, den Zeitpiloten.

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