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Udo Jürgens in Frankfurt : Das Gift seiner Denkungsart

  • -Aktualisiert am

Ein gewaltiges Konzert: Udo Jürgens am Samstag in der Frankfurter Festhalle Bild: Andreas Arnold

So glaubwürdig, dass man es schon wieder nicht glauben möchte: Udo Jürgens singt und spielt in der Frankfurter Festhalle.Und kann sich dabei sogar ein paar strenge Worte an das Publikum erlauben.

          4 Min.

          Was ist aus dem ehrenwerten Haus geworden? Einst war es eine Ansammlung von Spießern – man muss hier dieses altbacken-peinliche Wort verwenden –, ein kleines Wimmelbild der Bewohner jenes prototypischen Siebziger-Jahre-Hauses. Einige haben das für Sozialkitsch gehalten, für wohlfeil. Mich hatte es immer gewundert, dass selbst Verwandte von mir, die absolut zu den Insassen dieses Hauses hätten gehören können, das Lied munter vor sich hinpfiffen und gern hörten, wenn es die Schuljazzcombo als Bläsersatz blies. Schon in der Antike gab es die Anweisung, Gift, auch heilsames Gift, möglichst in einem Glas mit Zuckerkranz darzureichen.

          In der Frankfurter Festhalle konnte man am Samstag erleben, was aus diesem Haus geworden ist: Die Insassen sind mehr geworden, sie haben sich über die ganze Welt verbreitet, getrieben von Dingen, die vielleicht nur im Udo-Jürgens-Universum sagbar sind – das Wimmelbild unserer zivilisatorischen Existenz. Und vielleicht gehen die Menschen immer noch zu Udo Jürgens und wollen doch einfach nur „Griechischer Wein“ und „Merci Chérie“ und „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ hören und sind dann etwas erschrocken über das, was sie da erleben.

          Ein Mann, der etwas will

          Da vorne steht ein Mann, der etwas will. Auch wenn er sagt, dass er bloß Lieder singen will. Wolf Biermann wollte an jenem berühmten Kölner Abend im November 1976 auch bloß Lieder singen, und zwischendrin machte er ein paar Ansagen. Und weiter? Dem Publikum vergingen Hören und Sehen. Biermann wohl auch. Udo Jürgens will etwas, und man merkt ihm die Dringlichkeit an, und sie funktioniert, denn sie ist echt und nicht im Diskurspopwortlaut gesucht und feingeschliffen und nach links und rechts rhetorisch bewehrt. Diese Dringlichkeit steht bemerkenswert nackt auf der Bühne in diesem achtzigjährigen Mann.

          Manchmal konnte man an diesem Abend den Eindruck haben, Udo Jürgens mache jetzt Schluss mit Udo Jürgens oder hebe diesen Udo Jürgens auf eine neue Stufe, nämlich dorthin, wo er hingehört. Es war ja ein Universalangriff, was er da ritt. „Wir tragen die Krone der Schöpfung eher so wie einen Karnevalshut“, das war der Gipfel dieses Weltgebäudes. Ein Abend mit Udo Jürgens: Ein einzigartiges Weltuntergangsszenario und Porträt des bösen Tieres Mensch mit seiner eigenen Narrenkappe auf wie bei Thomas Bernhard, und das tut er einfach so. Er steht da oben und schimpft und klagt in die Welt hinein, dass es eine Freude, aber auch eine Bestürzung ist.

          Das ist keine linke oder rechte Blödsinnsprosa nach Art von „Ich will auch mal dies und das sagen dürfen“; denn nichts von dem, was Udo Jürgens da sagt, ist verboten oder tabu. Aber es ist so grundeinfach und so grundwahr, dass es unter komplettem Peinlichkeitsverdacht steht. Und Udo Jürgens geht mitten hinein in diese Peinlichkeit wie ein Arzt unter die Kranken. Ich glaube auch, dass das die Schwierigkeit ist beim Hören von Udo Jürgens: dieses Fremdschämen, das sich, wenn es den berühmten Udo-Jürgens-Klick im Kopf gemacht hat und man auf seine Seite geschwenkt ist, urplötzlich gegen einen selbst wendet. An Udo Jürgens zu scheitern, heißt nicht, an seiner, sondern an der eigenen Peinlichkeit zu scheitern.

          Und dann „Griechischer ein“

          Vielleicht muss man das in einem dieser gewaltigen Konzerte erleben, die etwas ganz anderes sind als Konzerte, die eher Möglichkeiten eines ganz bestimmten Sagens sind. Man muss die Lieder gegeneinander stellen, man muss diese einzelnen, immer auch plakativen Momente selbst zu dem besagten Wimmelbild dieser Welt zusammenstellen, sich gegenseitig bespiegeln lassen, dann ist man drin in diesem im guten Sinne defätistischen, abgrundtief radikalen, völlig schonungslosen Udo-Jürgens-Sprachuniversum, das nur bei ihm so existieren kann und an dem er Jahrzehnte gebaut hat. Denn alle diese Worte brauchen Udo Jürgens als Sprechakt-Person dazu; die Einheit dieses Weltbildes setzt seine Person voraus, sonst sind es nur Splitter, in denen man das Ganze nicht erkennt.

          Und irgendwann setzt „Griechischer Wein“ an. Kein pseudogriechisches Humpta-Humpta. Der Mann, am Klavier sitzend, aber nicht spielend, singt es diesmal wie ein einsames Volkslied, das irgendeine Person, eine alte Frau vielleicht, am Fenster singt oder einem Kind vorsingt, und während sie singt, überkommt sie ein Schmerz, urplötzlich, gegen den sie nicht ankommen kann, und so klingt dieses Lied dann auch.

          Die Gegenposition zu der Universaltragödie der Menschheitsmasse ist immer das einzelne Wesen, und die Glücksverheißung ist nirgends transzendent, sondern, wenn überhaupt, dem Leben abgekämpft, nicht als das kleine stille Glück in der Ecke, nein. Es ist auch nicht der geglückte Diskurs eines Homo politicus. Ich glaube, einen solchen Diskurs dürfte niemand im Saal während dieser drei Stunden für auch nur annäherungsweise machbar gehalten haben. Das Publikum hatte anderes im Sinn und wurde auf eine andere Spur gesetzt. Es hat auch nichts mit jenem blödsinnigen „Sei einfach mal Du“, „Lebe, was du willst“ zu tun. Udo Jürgens kann vielmehr sehr genau erzählen, wo und in welchen Momenten man sich diese Glücksverheißung oder Wahrheitsverheißung vom eigenen, ganz konkreten gesellschaftlichen und privaten Leben abringen kann oder muss.

          Vom Haus zur Welt

          Es ist diese im Konzert von diesem nachdenklichen, manchmal auch lauten Mann vorgelebte und bei ihm – Entschuldigung – glaubwürdig werdende radikale Emotionalität, die sich auf alles bezieht, als könnte er nichts anschauen, ohne es auf diesen Punkt hin zu überprüfen. Als wollte er uns freisprechen von etwas, was wir sind, aber vielleicht nicht sein müssten. Es ist jenes berühmte „We think too much and feel too little“ aus Chaplins Diktator-Rede, das eben nur erträglich wird, wenn es in einem solchen Film aufgehoben wird oder in einem solchen Werk-Kosmos wie dem von Udo Jürgens.

          Tja, kleiner kann man das alles vermutlich nicht sagen. Ich habe allerdings schon länger das Gefühl, es müsste in der öffentlichen Wahrnehmung endlich mal Schluss sein mit Udo Jürgens im stets gewohnten und stets verkleinerten Sinn. Aber das wissen sowieso schon viele. Das hier ist nicht die neue Weisheitsstufe eines nun altgewordenen Mannes in reduzierter Grandseigneurspose, daran baut er nämlich schon sehr lange, angefangen hat es mit dem Haus, nun ist es die ganze Welt.

          Übrigens kann er sogar sein eigenes Publikum beschimpfen. Als Anfang der zweiten Hälfte ziemlich viele Menschen im bestuhlten Saal nach vorne kommen, sich an die Bühne stellen und den ersten Reihen den Blick nehmen, sagt er, er sehe ja immer dieselben Gesichter in diesen ersten Reihen, und die Plätze da seien bestimmt auch sehr teuer, aber ob dass dann auch die wahren Fans seien, das wisse er ja gar nicht. Ja, so etwas muss man dann auch aushalten können bei so einem Konzert.

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