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Der schönste Roman der Welt : Marcel Prousts Suche nach dem willigen Verlag

Das größte Schlachtfeld der Literaturgeschichte: Prousts Korrekturen für „Du Côté de chez Swann“, 1913 Bild: Foto Fondation Martin Bodmer Coligny/e-codices

Triumph für den Autor, Leidensgeschichte für den Verleger: Die verschlungenen Wege, auf denen Marcel Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vor genau hundert Jahren begonnen wurde.

          Am 14.November 1913, heute genau vor hundert Jahren, erschien in Paris ein Buch mit dem Titel „Du Côté de chez Swann“, ausgewiesen als erster Teil eines Romanzyklus namens „À la Recherche du temps perdu“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit). Sein Autor war Marcel Proust, der Verleger hieß Bernard Grasset. Beide zusammen sollten damit Literaturgeschichte schreiben. Doch bis es so weit war, hatten sie sich schon wieder zerstritten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Grasset war die vierte Wahl des Verfassers. Als der zweiundvierzigjährige Proust das Manuskript zu seinem späten Romandebüt – seit dem miserabel verkauften symbolistischen Prosabändchen „Les Plaisirs et les jours“ (auf Deutsch „Tage und Freuden“) waren achtzehn Jahre vergangen, aber Proust stammte aus vermögender Familie – beendet hatte, umfasste es 712 Seiten. Die schickte er nacheinander an die Pariser Verlage Fasquelle, Gallimard und Ollendorff. Alle lehnten ab.

          Grasset wittert seine Chance

          Besonders schmerzte die Absage von Gallimard, dem Verlag der erst 1909 gegründeten, aber literarisch äußerst einflussreichen „Nouvelle Revue Française“. Kein Geringerer als deren Chefredakteur André Gide hatte Prousts Manuskript geprüft. In seinem jetzt zum hundertjährigen Jubiläum der „Recherche“ erschienenen Bändchen „Proust 1913“ (Verlag Hoffmann und Campe) revidiert Luzius Keller, der beste deutschsprachige Proust-Kenner, die alte Legende, dass Gide gar nicht erst ausgepackt habe, was er da versiegelt auf den Tisch bekam. Vielmehr las er immerhin fast ein Zehntel des Romans, bis er auf eine orthographische Unklarheit bei einer Frisurbeschreibung stieß und die Lektüre abbrach, weil er den Autor für sprachlich schludrig hielt (wie einem so nie abgeschickten erklärenden späteren Briefentwurf an Proust zu entnehmen ist). Auf diese Weise verpasste das Haus Gallimard die Erstpublikation der „Recherche“ buchstäblich um Haaresbreite.

          Zum Zuge kam dann ein junger Verleger, der noch keine besondere Reputation besaß und Prousts Buch nur deshalb akzeptierte, weil der reiche, aber mittlerweile verzweifelte Autor (das Buch, schreibt Proust im Februar 1913, „verlangt jetzt nach einem Grab, das bereit ist, bevor sich meines über mir schließt“) zugestimmt hatte, die Publikation selbst mitzufinanzieren. Als am 11.März 1913 der Vertrag mit Bernard Grasset abgeschlossen wurde, schickte Proust erst einmal 1750 Francs an den Verleger, vereinbart wurde eine Auflage von 1250 Exemplaren. Da Proust pro verkauftes Buch 1,50 Francs zugesprochen bekam und 250 Stück als Presseexemplare gedacht waren, durfte der Verfasser nicht erwarten, mit der Publikation seines Romans etwas zu verdienen. Zumal er vor Drucklegung noch weiteres Geld zuschießen würde.

          Bernard Grasset (1881 bis 1955): Der Verleger war nicht Prousts erste Wahl

          Das lag daran, dass Proust die ihm von April an übersandten Druckfahnen nicht einfach nur korrigierte, sondern völlig neu schrieb. Die in der Schweizer Bibliotheca Bodmeriana aufbewahrten von Proust bearbeiteten Bögen gleichen einem Schlachtfeld: neu zusammengeklebte Teile aus zwei Fahnensätzen, zahllose handschriftliche Ergänzungen, ausgiebige Streichungen. Bei diesem kreativen Gemetzel änderte er auch die ursprünglich verwendeten Titel: Aus „Les Intermittences du cœur“ wird als Obertitel „À la Recherche du temps perdu“, weil aus der vorgesehenen Titulierung des ersten Teils, „Le Temps perdu“, zunächst „Combray“ und schließlich „Du Coté de chez Swann“ geworden war.

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