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Freddy Quinn wird neunzig : Heimweh und Fernweh

  • -Aktualisiert am

Musik und Drama in Brasilien: „Weit ist der Weg“, 1960. Bild: picture-alliance

Er wusste, wovon er sang, und hatte unendlich viel erlebt: Dem Entertainer Freddy Quinn zum Neunzigsten.

          2 Min.

          Bei ihm weiß man nun wirklich nicht, womit man anfangen soll, denn er konnte fast alles: sprechen (sieben Sprachen), singen (zwölf), schauspielern, Regie führen, arrangieren, Gitarre, Akkordeon und Saxofon spielen, auf dem Hochseil laufen, am Trapez hängen und bei alledem immer, wirklich immer eine gute Figur abgeben. Unter den Großen der deutschsprachigen Nachkriegsunterhaltung besaß Freddy Quinn mit Sicherheit die meisten Talente. Was wäre wohl passiert, wenn ihm Al Martino nicht Bert Kaempferts „Spanish Eyes“ vor der Nase weggeschnappt hätte? Er wäre in Amerika ganz groß herausgekommen, so wie sein Generationsgenosse Peter Alexander, der nur zu zögerlich war, um rüberzumachen und dort zu reüssieren.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Beinahe fassungslos steht man vor solchen Tausendsassas, die auch hier gut zu tun und jede Menge Erfolg hatten, die es aber doch zu wirklichen Weltstars hätten bringen können. So, immerhin, kamen sie dem kollektiven Zerstreuungsbedürfnis der jungen Bundesrepublik mit Fleiß, Disziplin, Verlässlichkeit, Anpassungsfähigkeit, aber ohne Opportunismus nach. Systemkonform bis auf die Knochen war Freddy Quinn trotzdem: Seine „Gammler“- und Demonstranten-Attacke „Wir“ (1966) ist kein Ruhmesblatt, mutet heute aber auf fast rührende Weise bieder an und könnte im Übrigen auch als Wahlkampfparole taugen, denn das Wir entscheidet ja offenbar nach wie vor.

          In die Geschichte aber ging er ein als der „Junge von St. Pauli“ (Platten- und Liedtitel von 1969), wo er, mit Anfang zwanzig, von Jürgen Roland entdeckt wurde. Fortan gab er den maritimen Melancholiker, dessen Bariton das „Heimweh“ (einer seiner bekanntesten Titel) und das Fernweh gleichermaßen kompetent intonierte und der mit Folgeliedern wie „Die Gitarre und das Meer“, „La Paloma“ und besonders „Junge, komm bald wieder“ den richtigen Ton traf: überhaupt nicht wehleidig, vielmehr schicksalsergeben, vom Leben irgendwie gegerbt und allemal anpackend. Dergleichen kam, wie sonst nur noch die Weisen von Hans Albers, unbedingt an und machte ihn zum bestverdienenden Sänger fast der gesamten Adenauer-Zeit, ein Chart-Topper, der mit Country debütiert und diesen hierzulande überhaupt erst hoffähig gemacht hatte – in seinen späteren Sendungen ließ sich der amerikanische Country-Hochadel blicken.

          Ein Mann zwischen Katja, Susi und dem Fernweh: „Freddy, die Gitarre und das Meer“, 1959. Bilderstrecke
          Freddy Quinn zum 90. : Heimweh und Fernweh

          Den Typus des verzichtsbereiten Abenteurers gab er um 1960 auch in seinen meistens auf ihn persönlich zugeschnittenen Filmen, die für Cineasten keine Herausforderung darstellen, sich aber neben den Elvis-Presley-Filmen sehen lassen können. Wo und wie auch immer er auftrat, ob er von St. Pauli, Südafrika, Mexiko oder von der nordamerikanischen Prärie fabulierte – das Publikum nahm es ihm dankend ab, weil der sentimentale Gehalt seiner Darbietungen stimmte.

          Aber war das auch alles echt? Identitätswächter, aufgepasst: An Freddy Quinn, der in Wien geboren wurde, gegen Kriegsende wegen seines fließenden Englisch bei amerikanischen Soldaten unterkam, nach Amerika und dann wieder zurück nach Europa ging, sich auf eigene Faust bis nach Algerien durchschlug, wieder zurückkam und beim Zirkus anheuerte, bis er schließlich ins vermeintlich leichte Fach fand, kann man sehen, dass es nicht darauf ankommt, was einer (von Geburt) ist, sondern nur darauf, was er kann und was er erlebt hat. Freddy Quinns Kunst war, in noch höherem Maße als die der direkt kriegserfahrenen Generation, welthaltig; er wusste, wovon er sang.

          Nie hat jemand danach gefragt, ob das seemännische Aroma, das er verströmte, auch „authentisch“ war. Würde man ihn heute darauf ansprechen, er wüsste wahrscheinlich gar nicht, worauf man hinauswill; und das ehrt ihn. Aber Interviewanfragen sagt er sowieso höflich ab, und zwar handschriftlich. Sollten solche an diesem Montag eingehen, so wird er sie wiederum ablehnen können, weil er nämlich noch Besseres zu tun hat, als seinen Ruhestand zu genießen: Denn heute wird Franz Eugen Helmuth Manfred Nidl-Petz, wie Freddy Quinn eigentlich heißt, neunzig Jahre alt.

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