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Prizker-Preis : Avantgarde aus Frankreich

Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal vor ihrem Atelier in Montreuil bei Paris. Bild: AFP

Längst fällige Auszeichnung: Der Pritzker-Preis wird an das Büro Lacaton und Vassal vergeben. Das Duo beschäftigt sich schon lange mit sozialem und ökologischem Bauen.

          3 Min.

          Zu dieser Entscheidung darf man nicht nur den Preisträgern gratulieren, sondern auch der Jury. Nach ein paar eigenartigen Fehlgriffen hat das Komitee, das diesen gern als „Nobelpreis der Architektur“ bezeichneten Preis vergibt, eine Entscheidung getroffen, die man als ebenso überfällig wie richtungsweisend bezeichnen kann: Anne Lacaton, 1955 in Frankreich geboren, und ihr ein Jahr zuvor in Casablanca geborener Büropartner Jean Philippe Vassal bekommen den mit 100.000 Dollar dotierten „Pritzker-Preis“, der vom Gründer der Hyatt-Hotelkette ins Leben gerufen wurde und seit 1979 verliehen wird.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Lacaton und Vassal, die 1987 ihr Büro gründeten, stehen wie kaum ein anderes Architektenpaar für eine soziale und ökologische Wende in der Architektur. Schon das Haus, das sie berühmt machte, die Maison Latapie von 1993, lässt sich als Manifest lesen: Es ist kein luxuriöses Haus, im Gegenteil – eigentlich eine bescheidene Einfamilienhauskiste. Doch auf der Gartenseite dieser Kiste steht eine leichte Konstruktion, ein doppelgeschossiger Wintergarten aus Materialien, die man eigentlich für den Gewächshausbau verwendet.  Das luftige Ergebnis war eine Überraschung: Mit dem Gehalt eines Postboten kann man sich also einen Palast leisten.

          Nicht gleich alles absägen

          Das Haus galt als minimalistische Revolution – denn während in der Schweiz Häuser aus Beton und Glas entstanden, die die Minimal Art zitierten, aber sündhaft teuer waren, war dieser Minimalismus vor allem ein ökonomischer: Mit wenig Geld viel Raum schaffen für maximales Leben. Finanziell war das Haus Arte Povera, ästhetisch schillerten und glänzten Stahl und Gewächshausverglasung wie wertvollste Materialien. Es folgte ein weiterer kleiner Manifestbau: Auf einem unwegsamen und schwer bebaubaren Gelände am Bassin d’Arcachon hatten es die Architekten geschafft, alle Bäume stehen zu lassen und das kleine leichte Haus um die Pinien herum zu bauen. Die Pinien steckten sozusagen wie Zahnstocher im Gebäude, eine bohrte sich durchs Wohnzimmer, die andere durch die Terrasse – so intensivierte  sich das Gefühl, mitten in der Natur zu sein, schon durch den direkt ins Haus strömenden harzigen Pinienduft.

          Umbau des Tour Bois Le Prêtre, Paris. Die alte Fassade wurde entfernt und durch raumhohe Glasschiebetüren ersetzt; alle Wohnungen wurden durch vorgesetzte Wintergärten und Balkone ergänzt.
          Umbau des Tour Bois Le Prêtre, Paris. Die alte Fassade wurde entfernt und durch raumhohe Glasschiebetüren ersetzt; alle Wohnungen wurden durch vorgesetzte Wintergärten und Balkone ergänzt. : Bild: Philippe Ruault

          Dieses Ferienhaus war das Manifest einer naturfreundlichen mininmalinvasiven Eleganz: nicht gleich alles absägen oder abreißen, so das Credo, sondern erst mal schauen, was man mit dem, was man vorfindet, machen kann. Zu einem wirklich politischen Konzept wurde dieser Ansatz, als das Duo ein Sozialbau-Hochhaus aus den sechziger Jahren, das eigentlich abgerissen werden sollte, stehenließ und es stattdessen mit einer luftig-verglasten zweiten Schicht von Wintergärten ummantelte.

          Ökologisches Denken im ganzheitlichen Sinne

          Dieses Verfahren hatte zwei Vorteile: Erstens mussten die Bewohner das Haus nicht verlassen und sich eine neue Bleibe suchen; die gewachsene Nachbarschaft, die ist auch in Hochhäusern gibt, konnte bestehen bleiben. Zweitens steigerte sich die Wohnqualität erheblich: Statt der kleinen Lochfenster bauten Lacaton und Vassal eine großzügige Verglasung ein, vor die sie einen Wintergarten setzen.

          Mehr Platz, Licht und Dämmung durch großzügige Wintergärten: Das Projekt Grand Parc, Bordeaux.
          Mehr Platz, Licht und Dämmung durch großzügige Wintergärten: Das Projekt Grand Parc, Bordeaux. : Bild: Lacaton/Vassal

          So wurde der Wohnraum erweitert, die Lebensqualität erhöht – und der Wintergarten mit seinen dicken, metalldurchwirkten Gardinen wirkte auch als Dämmschicht. Die Architekten zeigten etwas, womit sich die hiesige Baubürokratie immer noch schwer tat: Dass man ein Problemgebäude aus den sechziger Jahren nicht unbedingt mit erdölbasierten Schäumen bekleben muss, um ökologisch erforderliche Dämmstandards zu erreichen, sondern die erwünschte Dämmung auch auf diesem Wege erreicht.

          Viel Platz für wenig Geld: Terrassen-Apartements in Mulhouse.
          Viel Platz für wenig Geld: Terrassen-Apartements in Mulhouse. : Bild: Picture-Alliance

          Dahinter zeigte sich ein „ökologisches“ Denken im ganzheitlichen klassischen Sinne des Wortes „oikos“, das nicht nur technokratische Zahlen zur Senkung des Energieverbrauchs verlangt, sondern zur Ökologie auch das Wohlgefühl des Bewohners zählt. Mittlerweile wurden zahlreiche Problembauten in Frankreich auf diese Weise saniert und stehen nun mit ihren eleganten Wintergärten da wie weitaus teurere moderne Schweizer Luxuswohnanlagen.

          Dass mit Anne Lacaton eine Architektin ausgezeichnet wird, erhöht die Zahl der Preisträgerinnen auf immer noch magere fünf. Vorbei ist glücklicherweise die Zeit, in der das westlich geprägte Komitee sich von rührseligen scheinsozialen Projekten in die Irre führen lies – skandalös war die Auszeichnung von Alejandro Aravena, der mit seiner Idee reüssierte, einkommensschwachen Chilenen nur ein halbes fertiges Haus hinzustellen und dazu eine Rohbau-Hälfte, die sie nach ihrem entbehrungsreichen Arbeitstag selber auszubauen hatten. Dass Aravena eng mit einem der größten Umweltverschmutzer Chiles kooperierte, störte die damalige Jury auch nicht – Hauptsache, es sah hübsch sozial aus.

          Was Lacaton und Vassal bauen, ist das Gegenteil dieser Ästhetisierung des Elends. Dass sie jetzt die längst fällige Auszeichnung erhalten, ist auch eine Anerkennung dafür, dass sie schon früh Themen auf die Agenda gesetzt haben, die sich heute als wesentlich herausstellen: Wenn jetzt alle von der ökologischen Wende, von neuen Formen, zu dämmen, zu bauen und den Bestand umzuwandeln sprechen, dann baut das auch auf der unermüdlichen Forschungsarbeit dieser beiden Visionäre einer leichten, umwelt- und menschenfreundlicheren Architektur auf.

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