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Der Präsident und die Filmkritik : Wovon soll ich denn sonst leben?

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Günter Rohrbach, Präsident der Deutschen Filmakademie, hat im Januar im "Spiegel" gegen die deutschen Filmkritiker ausgeholt. Die "eitlen Selbstdarsteller", die "Autisten" in ihren Schreibstuben hätten den Kontakt zum Kinopublikum verloren, ihre Urteile blieben folgenlos, ihre Texte ohne Wirkung.

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          Günter Rohrbach, Präsident der Deutschen Filmakademie, hat im Januar im "Spiegel" gegen die deutschen Filmkritiker ausgeholt. Die "eitlen Selbstdarsteller", die "Autisten" in ihren Schreibstuben hätten den Kontakt zum Kinopublikum verloren, ihre Urteile blieben folgenlos, ihre Texte ohne Wirkung. Beweis: der Erfolg des "Parfums", das trotz hämischer Verrisse fünfeinhalb Millionen Zuschauer, und der Misserfolg des von den Kritikern bejubelten Films "Sehnsucht", der nur fünfundzwanzigtausend Zuschauer erreicht hat. "Was ist eine Kritik wert", fragt der Autor, "die solchermaßen verpufft?"

          Seither beteuert Rohrbach bei jeder Gelegenheit, er habe seine Polemik aus Liebe zur deutschen Filmkritik verfasst. Auch sei er ein erklärter Liebhaber kleiner und unabhängiger Filme wie "Sehnsucht". Und schließlich habe er nicht als Präsident der Filmakademie und schon gar nicht als Aufsichtsratsmitglied der "Parfum"-Produktionsfirma Neue Constantin gesprochen, sondern als Leser und Zuschauer. Es gibt einige in der Filmbranche, die ihm das glauben. Viele andere tun es nicht.

          Das sah man auch bei der Podiumsdiskussion, die die Berliner Akademie der Künste am Dienstag im Windschatten der Deutschen Filmpreise (F.A.Z. vom 7. Mai) in ihrem Haus am Hanseatenweg veranstaltete. Eigentlich hatte die Akademie über "Journalismus und Public Relation", also über die schleichende PR-Durchseuchung der Filmkritik, reden wollen. Aber je länger der Abend dauerte, desto heftiger wurde die causa Rohrbach diskutiert, und da Rohrbach selbst mit auf dem Podium saß, bekam er bald mehr Gegenwind, als er erwartet haben mochte. Wovon er denn leben solle, fragte der Präsident die Kritiker im Publikum, die seinen Rücktritt vom Akademievorsitz verlangten - er habe zwar eine Rente, aber er wolle auch noch Filme produzieren, und für seine Aufsichtsratstätigkeit bei der Neuen Constantin werde er ohnehin schlecht bezahlt. Es war der Tiefpunkt einer Debatte, die schon in ziemlich flachem Gelände begonnen hatte, denn weder kann man ein Low-Budget-Märchen wie "Sehnsucht" mit Bernd Eichingers "Parfum" vergleichen noch die Filmkritik zum Platzanweiser für "große" und "kleine" Kinowerke degradieren, wie es Rohrbach in seinem "Spiegel"-Aufsatz versucht.

          Wenn es eine Lehre aus dieser Geschichte gibt, dann die, dass der deutsche Film nicht jenes aufstrebende Medienimperium ist, als das manche ihn sehen wollen. Er ist ein kleines, engmaschiges Netz aus Arbeits- und Freundschaftsverhältnissen, in dem fast jeder jeden kennt, sieht, liest, bewundert oder hasst. Je lauter man in diesen Trichter hineinruft, desto lauter schallt es heraus. Günter Rohrbach hat das jetzt am eigenen Leib erfahren. Er hätte es wissen müssen. ANDREAS KILB

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