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Der Populismus des Akif Pirinçci : Wie Sarrazin auf Speed

Ist reaktionäres Gedankengut unterrepräsentiert?

Trotz aller Redundanz aber, die dieser Sarazzin auf Speed hier bietet, kommt angesichts des publizistischen Erfolgs solcher Bücher immer wieder die Frage auf, wie man auf diesen Populismus reagiert. Am besten gar nicht, wäre eine ganz vernünftige Antwort. Dass solche Stammtischparolen nicht mehr nur im Dunst der Raucherkneipen verpuffen, sondern mittlerweile in Leserkommentaren und Blogs ganz gut dokumentiert sind, heißt ja nicht zwangsläufig, dass man sie deshalb ernster nehmen muss. Am Ende ist es womöglich gerade die Empörung über die Empörung, die dafür sorgt, dass die Pamphlete zu Büchern und gelegentlich sogar zu Bestsellern werden. Auch Pirinçcis Buch hat seinen Ursprung in einem Beitrag für die Website „Die Achse des Guten“, in dem er von einem „schleichenden Genozid“ schrieb, den junge Muslime an deutschen Männern begängen.

Doch auch wenn man all diese Klagen schon kennt, die ja selbst auch nichts anderes sind als die Opferrhetorik angeblich ständig bevormundeter Subjekte, und so sehr sie jenem Wahnsinn ähneln, der in den Kommentarspalten des Internets so tut, als sei er die Gegenposition einer schweigenden Mehrheit zur auf Autopilot fahrenden veröffentlichten Konsensmeinung – dennoch befallen angesichts der Verkaufszahlen dieser Buch gewordenen Leserkommentare selbst manche Mainstreamjournalisten leise Selbstzweifel. Womöglich ist ja etwas dran an der Theorie von ihrer eigenen Linkstendenz. Womöglich ist in der Tatsache, dass so ein reaktionäres Gedankengut in den bürgerlichen Zeitungen und im Fernsehen nicht adäquat repräsentiert wird, tatsächlich eine strukturelle Schieflage zu erkennen. Und vielleicht könnte man ja die Erregung der alten weißen Heteromänner wirklich am besten dadurch abkühlen, indem man sie aus den Schmuddelecken des Internets auf die großen Bühnen des gesellschaftlichen Diskurses holt.

Das Märchen von der Unterdrückung

So wenig dagegen einzuwenden ist, die eigenen Meinungen gelegentlich in Frage zu stellen, so grotesk ist die Vorstellung, man müsse jene, die man nicht teilt, nur besser integrieren. Es geht, auch wenn das die Rhetorik der politischen Inkorrektheit gerne behauptet, ja nicht darum, dass die gesellschaftlichen Probleme unter den Tisch gekehrt werden, die sie so plagen, dass also die bösen Gutmedien Themen wie Jugendkriminalität oder Emanzipation einfach verschweigen würden. Nur kommen diese eben zum Glück oft zu anderen Schlüssen als jene, die immer nur die allereinfachsten Lösungen und Schuldigen parat haben. Wie aber sollte das denn aussehen, wenn man ernsthaft, sei es auch nur im Sinne des sozialen Friedens, an der Entmarginalisierung der unterdrückten Reaktionäre arbeiten würde? Soll man vorsichtshalber ein paar homophobe Vorurteile in die Zeitung schreiben, nur damit sie nicht zu Bestsellern für die Fans dröhnender Meinungsanfälle werden?

Wenn aber die Vertreter der politisch inkorrekten Lehre wirklich wissen wollen, wieso ihre Ideologie so selten in den Massenmedien vorkommt (ob sie das überhaupt tut, wäre die andere Frage), dann sollten sie sich das schon selber fragen. Wer ist es nur, der sie davon abhält, eine Zeitung zu gründen, die sie mit ihren Wahrheiten vollschreiben können? Die „grün-rot versiffte Politik“? Die homosexuelle Druckerlobby? Oder ist es dann doch die von den libertären Poltergeistern sonst so verehrte Marktwirtschaft, die ihre Ansichten einfach nicht für ganz so populär hält, wie ihre Anhänger immer behaupten? Wieso nur schweigt die vermeintliche Mehrheit nicht nur regelmäßig an der Wahlurne, sondern auch am Kiosk, wenn es darum geht, ein publizistisches Statement zu hinterlassen?

Es ist kein Zufall, dass die Anhänger des gepflegten Ressentiments so gern das Märchen von der Unterdrückung ihrer Meinung erzählen. Es ist die Existenzbedingung für einen Populismus, der sich als Außenseitertum inszeniert und ständig unbequeme Wahrheiten hervorbringt, weil er alles, was unbequem ist, schon für die Wahrheit hält. Davor aber, dass ihre Ansichten einmal Mainstream werden, haben ihre Vertreter selbst am meisten Angst.

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