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John Searle zum 90. : Versteht mein Computer, was er tut?

John Searle an der University of California, Berkeley, im Jahr 2017 Bild: Picture Alliance

Das menschliche Denken steckt voller Rätsel. Die Entwicklung von Computern, die unser Denken nachahmen sollen, lässt es nur noch mysteriöser erscheinen. Der Philosoph John Searle hat unermüdlich versucht, diese Rätsel zu lösen.

          6 Min.

          Wir Menschen, und auch viele Tiere, haben eine im Grunde erstaunliche Fähigkeit, die unseren Umgang mit der Welt ermöglicht und nicht selten auch erschwert: Wir sind zu komplexem Denken fähig und repräsentieren in unseren Gedanken Dinge und Sachverhalte in der Welt – unabhängig davon, ob diese real sind oder nicht.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wie wir das tun, ist überaus variantenreich: Wir können uns Dinge wünschen, beispielsweise dass der Urlaub bald anfängt. Wir können vor Sachverhalten Angst haben, wie vor der Notwendigkeit einer unangenehmen Zahnwurzelbehandlung. Und wir können von manchem überzeugt sein, wie der Tatsache, dass die Erde keine Scheibe ist. All diese mentalen Zustände – Wünsche, Ängste, Überzeugungen – beschreiben eine je besondere Beziehung zwischen uns und der Welt. Sie sind intentional: Sie haben einen Inhalt und besitzen damit die schon von Franz Brentano hervorgehobene Grundeigenschaft alles Mentalen, denn einen Inhalt besitzen weder Steine noch Wasserstoffatome.

          Zudem funktionieren mentale Zustände ganz unterschiedlich. Eine Überzeugung kann wahr oder falsch sein und bezieht sich damit auf eine überprüfbare Tatsache, ein Wunsch dagegen ist nicht wahr oder falsch, sondern wird erfüllt oder nicht. Er bezieht sich zumeist auf etwas Künftiges, noch Unentschiedenes. Eine Angst wiederum kann sich als angemessen oder unangemessen herausstellen, auch sie bezieht sich auf etwas in der Zukunft Liegendes. Wer unser Denken verstehen will, muss diese strukturellen Eigenschaften mentaler Zustände verstehen können, und einer, der dafür die entscheidenden Grundlagen gelegt hat, ist der amerikanische Philosoph John Searle.

          Sein Ausgangspunkt war zunächst aber gar nicht der Geist selbst gewesen. Sein erstes einflussreiches 1969 erschienenes Werk „Speech Acts, An Essay in the Philosophy of Language“ versuchte sich am Verständnis der Intentionalität von Sprechakten – der Anwendung von Sprache im praktischen Alltag gewissermaßen, die über die reine Beschreibung der Realität weit hinausgeht. Die Struktur von Sprechakten ist derjenigen der mentalen Zustände nicht unähnlich. Auch sie haben einen Inhalt, aber der Inhalt ist nicht alles, was sie ausmacht. Was Forderungen, Warnungen, Vorhersagen, Wünsche oder Versprechungen unterscheidet, ist die von ihnen provozierte Reaktion in Bezug auf diesen Inhalt: Wir können befehlen, dass es mittags Eis gibt, und der Adressat wird sich bei entsprechender Autorität des Sprechers danach zu richten haben. Wenn wir uns das lediglich wünschen, ist der Ausgang ungewisser. Wenn wir jemanden dazu einladen, sind wir selbst gefordert, umso mehr wenn wir es jemandem versprechen.

          Anschluss an viele traditionsreiche Probleme

          Searle unterschied entsprechend an Sprechakten deren Gehalt, ausgedrückt zumeist in einer Proposition der Form „dass es mittags Eis gibt“, und deren Potential, etwas Bestimmtes zu bewirken. Zudem lieferte er eine differenzierte Beschreibung der verschiedenen Bedingungen, die über den Erfolg von Sprechakten entscheiden. All das ermöglichte als Weiterführung der Arbeiten von John Searles Lehrers John Langshaw Austin ein Verständnis von so traditionsreichen philosophischen Problemen wie dem der sprachlichen Referenz, der Bedeutung und der Abhängigkeit von Sprechakten von sozialen Faktoren.

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