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Hermann Schmitz gestorben : Die Säfte unter der Haut

Leiberfahrungen, für Hermann Schmitz das Salz in der Suppe Bild: bpk / Städel Museum

Mit großer Geste Verwarf er die philosophische Tradition und schuf eine eigene: Sein zehnbändiges „System der Philosophie“ steht für das Beisichsein im Elementaren. Nun ist der Leibphilosoph Hermann Schmitz gestorben.

          2 Min.

          Wenn nichts mehr ging; wenn Welt und Ich sich in abstrakte Weiten verloren; wenn alles nur noch denkbar, aber nicht mehr spürbar schien; in solchen Momenten griff man zu Schmitz. Schmitz, Hermann Schmitz, Kieler Leibphilosoph im Sinne von Philosoph des Leibes. Auch mit seiner eigentümlichen Gemeindebildung ein Spezialfall seiner Zunft. Schmitz' zehnbändiges Werk („System der Philosophie“) steht für das Versprechen eines Beisichseins im Elementaren, Ergreifenden, Unverkünstelten. All dies erfahrbar am eigenen Leib, so man nur Ohren hat, in ihn hineinzulauschen. Dazu braucht es keine Innenwelt-Hypothese, wie Schmitz gegen Seele, Bewusstsein, Gemüt meinte, die idealistischen Bastionen des Abendlandes.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Mit großer, umwerfend anmaßender Geste verwarf er das, was er die Tradition des Verkünstelten nannte. Er räumte dann alles in einem Abwasch ab: antike Philosophie, christliche Theologie des späten Altertums und des Mittelalters, moderne Naturwissenschaften. All diese Verkünstelungen des Primitiven eben, das uns mit den Tieren verbindet, stellte er beiseite. All diese ideellen Abwrackmaschinen des Leibes, wie er sie empfand, hielt er sich vom Leibe. Noch die Existenzphilosophen hätten mit ihrer Rede vom Menschen, der sich zu sich selbst verhält, viel zu hoch angesetzt, meinte er.

          Schreck lass nach!

          Existieren ging für Schmitz nur als unmittelbares Betroffensein im Leiblichen. Da verhalte man sich gerade nicht, da begehre man. Nichts Höheres insofern als die Säfte unter der Haut, wie sie in Wallung geraten durch Widerfahrnisse, durch Schreck, Wollust, Ekel, um sich hernach wieder zurückziehen in die Ebbe der Gefühle.

          Schmitz, der Leiberreger und Leibbemeisterer, darin den Indern und Chinesen näher als allen Westlern, allen Okzidentalvergeistigten, brach die Körperpanzer auf. Er dachte in Atmosphären, Stimmungen und anderen Ergreifungsweisen, die er auf Begriffe brachte. Begriffe freilich, die als solche den schrecklichen Verdacht nicht entkräften konnten, selbst Ausdruck von Verkünstelungen zu sein.

          „Ich, hier, jetzt!“

          Das war denn auch die Pointe von Schmitz' Vergeblichkeit, im Unwillkürlichen ankommen zu wollen. Die Pointe geht so: Man entkommt den Verkünstelungen nicht, nirgends, sofern man den Sachen, zu denen man zurück möchte, nur irgendeine Form, und sei es die begriffliche, gibt. Und ach, tatsächlich ist es doch so: Auch der Leib, der unbändige, spürt regelmäßig nur das aus sich heraus, was er sich als Ausdrucksform vorher eingegeben, nahegelegt hat. Daran ändert die vitalistische Schmitz-Parole „Ich, hier, jetzt!“ nicht das Geringste. Ich bin nun einmal nicht der Rausch, den ich habe.

          Und doch behält Schmitz das letzte Wort: Beisichsein ist, wenn überhaupt, nur erfahrbar als ein äußerstes Außersichsein. In der Entleibung des Todes vielleicht, der Schmitz am Mittwoch im Alter von 92 Jahren ereilte. Jetzt heißt es, sich auch ohne Schmitz zu spüren.

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