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Park Zaryadye in Moskau : Zivilisierende Parklandschaften

  • -Aktualisiert am

Strahlende Naturkulisse: Der Zaryadye-Park gilt als Apotheose des späten Putinismus. Bild: Park Zaryadye

Der Kreml ist nicht wiederzuerkennen: Das neue Moskau begeistert und erzieht seine Bewohner, die ihre Autos neuerdings öfter stehen lassen. Doch ein Problem der Stadt bleibt ungelöst.

          5 Min.

          Je repressiver Russlands politisches Regime wurde, desto prächtiger hat die Hauptstadt Moskau sich herausgeputzt. Der aufwendige Umbau, der nach den Protesten vom Bolotnaja-Platz vor sieben Jahren begann, als die Moskauer nach der Interimspräsidentschaft von Dmitrij Medwedjew gegen die abgekartete Wiederkehr von Wladimir Putin auf die Straße gingen, wurde just zur abermaligen Wiederwahl Putins voriges Frühjahr fertig. Das Ergebnis hat selbst erbittertste Kritiker entwaffnet. Vor allem in Zentrumsnähe flaniert man heute auf breiten Granittrottoirs mit Radwegen, gepflegte saubere Plätze mit Bänken und Schaukeln laden zum Verweilen, im verdichteten Busnetz fahren neue Elektrofahrzeuge, man findet barrierefreie Fußgängerunterführungen. In Wohnvierteln werden die fünfstöckigen Plattenbauten aus den sechziger Jahren abgerissen und durch moderne Appartementtürme ersetzt. Freilich behandelt diese urbanistische Erneuerung von oben den Hauptstadtbewohner als zu zivilisierendes Objekt. Daher verhindern restriktive Antidemonstrationsgesetze, dass die schönen Plätze zum Sammelpunkt der Bürger werden, und das große Verdichtungsprojekt der Wohngebiete setzt sich über Proteste von Anwohnern und Wohnungsbesitzern hinweg.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Junge wie alte Moskauer schwärmen von einem neuen Lebensstil, der sich in der Hauptstadt etabliert habe. Die Mitarbeiterinnen des Strelka-Bau- und Consultingbüros, das für den Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin viele Straßenbegrünungsvorhaben umgesetzt hat, liefert dazu Zahlen. Auf den schmaleren Fahrstreifen werde nachweislich weniger und langsamer gefahren, rechnet die PR-Beauftragte vor. Die Menschen stiegen vom Auto um auf Bus und Metro, verbrächten mehr Zeit an der Luft, machten Fotos und frequentierten Ladenlokale, denen es deswegen nachweislich besser gehe. Zu der Entwicklung tragen auch die soeben auf fünf Euro pro Stunde angehobenen Parkgebühren bei sowie die Europa abgeschauten Food-Festivals, wodurch zugleich Menschen mit bescheideneren Einkommen aus der Stadt verdrängt werden, wie Kritiker anmerken. Doch auch Ausländer begeistert die hohe Lebensqualität und derzeit der opulente Neujahrsschmuck mit blinkenden Tannen, Leuchtweihnachtsmännern und Glitzerarkaden. Zu ihnen gehört Simon Mraz, der in Moskau das Österreichische Kulturforum leitet. Moskau sei eine europäische Touristenmetropole geworden, sagt Mraz, der es deswegen umso mehr bedauert, dass keine russische Gegenwartsarchitektur zu sehen sei.

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