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Der Pamphletist : Leerlauf der Intelligenz

Geschickter Seitenwechsel: Enzensberger ging auf Distanz zur westdeutschen Intelligenz Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Das eigentliche Ziel von Enzensbergers politischen Attacken war nicht das Bürgertum, es war die westdeutsche Intelligenz in ihrem Leerlauf des oppositionellen Denkens. Dass die Schicht der Intellektuellen die eigentlich verblendete ist, bleibt seine große Entdeckung.

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          Hass und Trotz binden die frustrierte Intelligenz fester an den Gegenstand ihrer theoretischen Triumphe.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Der erste, frühe Kunstgriff Enzensbergers schien auf den ersten Blick so zu lauten: Die herrschende Klasse hat niemals recht, und sie sagt es, genau besehen, auch selbst, in ihren eigenen Worten, die man nur zitieren muss, um aufzuklären, was sich hinter den Euphemismen verbirgt. Aber die Übung war, als Enzensberger begann, schon zu einfach geworden, und erst, indem er sich von ihr absetzte, gewann er als politischer Polemiker seine Statur. Denn das eigentliche Ziel seiner Angriffe waren niemals Ludwig Erhard oder Kurt Georg Kiesinger oder gar der verlachte Bundespräsident Lübke; das Ziel war eine westdeutsche Intelligenz, die es sich in ihrer Rolle gemütlich, die sich ihr Geschäft zu leichtgemacht und ihren Beruf damit verraten hatte: diese „deformierte und frustrierte Intelligenz“, wie es 1967 hieß, die sich im „Leerlauf des oppositionellen Denkens“ einrichtete. 1968, in den „Berliner Gemeinplätzen“, noch ein wenig schärfer, inhaltlich bestimmter: „Pazifismus und Philosemitismus waren vorherrschende Tendenzen; mit wissenschaftlichen, technologischen und ökonomischen Fragen hat sich diese Intelligenz wenig und spät beschäftigt.“

          Um keinen Preis mit dieser selbstgefälligen, an sich selbst verdummenden Schicht verwechselt werden! Wie macht man das? Erst einmal durch Schärfung des linken Profils, und das funktionierte bis, sagen wir, Mitte der siebziger Jahre. Dann folgte mit großem Geschick ein Seitenwechsel. Eine Maxime aus Hebbels Tagebüchern lautet: „Der Philister hat oft in der Sache recht, aber niemals in den Gründen.“ Wunderbarer Kunstgriff des Gedankens; unschlagbare Strategie des Schreibens! Wieder ist man der Intelligenz um ein paar Pferdelängen voraus. Der radikalen Intelligenz nämlich, die, wie es in den „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ heißt, im Fin de Siècle „von Paris bis Sankt Petersburg mit dem Terror kokettierte“. Dass die Schicht der Intellektuellen grundsätzlich und auf jeden Fall die eigentlich verblendete ist, bleibt Enzensbergers große Entdeckung. Manches ist inzwischen näher gerückt und deutlicher geworden, als sei die Zeit ein fotografisches Entwicklerbad. Wahr bleibe, so die „Berliner Gemeinplätze“ des Jahres 68, „dass es der herrschenden Klasse in den Metropolen gelungen ist, das politische Bewusstsein der Mehrheit einzuschmelzen und zu liquidieren“. Auch darüber ließe sich reden.

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