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Der NSU-Prozess im Fernsehen : Kein Ende in Sicht

Im Untergrund: Reproduktionen der Ostthueringer Zeitung aus dem Jahr 1998 zeigen Fahndungsbilder von Beate Zschäpe (von links), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Bild: dpa

Dramatisch im Ungewissen stochern und Fragen aufwerfen, die den gesamten Apparat in Zweifel ziehen: Was das Fernsehen aus dem NSU-Urteil macht.

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          Lebenslange Haft für Beate Zschäpe. Mit diesem Urteil könnte der Prozess um den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) und dessen Mordserie beendet sein, wenn Zschäpes Verteidiger keine Revision einlegen. Fünf Jahre dauerte der Prozess, in dem sich die Beschuldigte weitgehend in Schweigen hüllte und eine vorformulierte Erklärung durch ihre Anwälte Hermann Borchert und Mathias Grasel verlesen ließ. Als Schlussstrich kann dieses als historisch betitelte Urteil jedoch nicht gelten. Nicht nur auf Seite der Angehörigen der Opfer bleiben viele Fragen offen. Am heutigen Mittwoch, fast achtzehn Jahre, nachdem Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe mutmaßlich den ersten Mord einer sechs Jahre dauernden Tötungsserie begangen haben sollen, hat der Vorsitzende Richter Manfred Götzl am Oberlandesgericht München sein Urteil über Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte gefällt. Den Mitangeklagten Ralf Wohlleben verurteilte das Oberlandesgericht als Waffenbeschaffer des NSU zu zehn Jahren Haft. Er wurde der Beihilfe zum Mord schuldig gesprochen. Holger G. wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, der Mitangeklagte André E. - unter dem Applaus schwarz gekleideter Neonazis auf der Zuschauertribüne - zu zwei Jahren und sechs Monaten. Carsten S. soll drei Jahre Jugendstrafe verbüßen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          In den Medien werden Resümees gezogen, die mitunter nur Fragen aufwerfen können, die sich vermutlich nicht einmal in 120 Jahren – so lange werden Teile der wichtigsten Akten verschlossen bleiben – klären lassen. Auch die ARD und das ZDF nehmen sich des Themas an. Im Ersten läuft um 20.15 Uhr ein „Brennpunkt“. Sehr viel später soll um 0.05 Uhr die Dokumentation „Heer, Stahl und Sturm“ über Zschäpes Verteidiger laufen, die man, wie es bei der ARD heißt, aus rechtlichen Gründen nicht vorab zeigen konnte, weil es mit den Anwälten, die „flächendeckend vorkommen“, so abgesprochen sei. Sie wird von 20.15 Uhr an in der ARD-Mediathek abrufbar sein. Auch das ZDF zeigt nach dem Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft zwei Dokumentationen zum NSU-Komplex. Um 22.30 Uhr läuft die ZDFzoom-Reportage „Auf der Spur des rechten Terrors – Die sieben Geheimnisse des NSU“. Um 0.45 Uhr folgt die Dokumentation „NSU – Der Prozess – Die Schuld der Beate Zschäpe“.

          Man hätte es bei diesem Punkt belassen können: Fragen.

          Vorab war nur die ZDFzoom-Reportage zu sehen. Sie fällt leider etwas unausgewogen aus. Man könnte meinen, der Fall sei an sich dramatisch genug, doch traut sich der Filmautor Rainer Fromm (Kamera Frank Riemann) nicht, die zusammengetragenen Fakten für sich sprechen zu lassen. Es beginnt mit den Polizeibildern der Tatorten, auf denen die verpixelten Opfer am Boden liegen. Die Bilderfolge wird mit dramatischen Bässen unterlegt. Eine Erzählerstimme führt raunend in den Fall ein, in dem noch so viele Fragen ungeklärt sind. Man hätte es bei diesem Begriff belassen können: Fragen.

          Stattdessen sind es die „sieben Geheimnisse“ des NSU, als handele es sich um eine Folge der Mystery-Serie „X-Factor: Das Unfassbare“. Unterbrochen von Animationsschnickschnack rätselt sich der Film anhand von Archivbildern, Hervorhebungen in behördlichen Dokumenten und O-Ton-Interviews mit Nebenklägervertretern und Menschen, die ihr Leben der Arbeit in den zahlreichen Untersuchungsausschüssen der Bundesländer widmen (über die bundesweit eher wenig berichtet wird) durch die verworrenen Umstände der rechtsterroristischen Mordserie.

          So wird gefragt, warum die Anklage bis heute davon ausgeht, dass es sich bei der Gruppe „um eine singuläre Vereinigung aus drei Personen“ handelt. Wie kamen die Mörder auf ihre Opfer, welche Unterstützung hatten sie im jeweiligen Tatumfeld, in Nürnberg, Rostock, Dortmund, Kassel und Heilbronn, und welche Rolle spielten V-Männer wie der Neonazi Tino Brandt oder der ehemalige Verfassungsschutzbeamte Andreas T. Zwar stimmt die Stoßrichtung des Films. Auch ist es wichtig, darauf zu verweisen, dass sich der NSU nicht auf ein Killerkommando von drei Personen reduzieren lässt, sondern womöglich bis heute aus einem gut organisierten Netz besteht. Doch hat die Dokumentation einen schweren Mangel: Sie ist einseitig.

          Kein einziges Mal kommt ein Ermittlungsbeamter in der Sache zu Wort. Dass nach dem Versagen der Ermittlungsansätze und dem Kompetenzgerangel zwischen den ermittelnden Behörden dort niemand Redebedarf hat, ist klar. Ein Teil der Wahrheit ist aber auch: Beamte hätten zumindest sagen können, dass ein Schweigen in einigen Fällen verständlich ist, weil weitere Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem NSU laufen und man jenen Zirkeln keinen Hinweis geben möchte. Doch so stochert dieser Beitrag im Ungewissen und unterstellt dem Apparat, seine Arbeit nicht zu machen. Das ist, was manche Ungereimtheiten innerhalb des NSU-Komplexes angeht, verständlich, dient aber weder der Wahrheit noch dem Recht, geschweige denn der Gerechtigkeit. Als Beobachter kann man in solchen Fällen nur eines tun: sachlich bleiben.

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