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Tatort-Sicherung : Wie smart darf Spielzeug sein?

  • -Aktualisiert am

Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) im Außeneinsatz mit seinem Kollegen Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) Bild: BR/Michael Schreitel/Tellux-Film

Im neuen „Tatort“ aus München dienen Smartpuppen als Spionagewerkzeuge. Wird die Hemmschwelle für deren Einsatz immer niedriger? Wir haben Experten gefragt.

          In einer Villa in München werden die Eltern eines kleinen Mädchens brutal ermordet. Die kleine Lena hat das Massaker überlebt. Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) finden sie schlafend in ihrem Schwebezelt im Garten, sie wurde betäubt.

          Das chinesische Au-pair-Mädchen Chi Ling (Jing Xiang) erzählt den Ermittlern, Lena habe am Tag zuvor von einem Weihnachtsmann gesprochen, der in der nächsten Nacht komme. Und tatsächlich zeigt eine Überwachungskamera einen Weihnachtsmann im nächtlichen Garten. Die Kommissare vermuten, dass Lena ihn ins Haus gelassen hat. Außerdem finden sie heraus, dass das Mädchen eine Smartpuppe besitzt – die gleiche Puppe wurde auch im Haus einer älteren Dame gefunden, die Suizid begangen hat.

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          Frage 1: Was genau sind Smartpuppen und wie funktionieren sie?

          Antwort von Reinhard Karger (Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI)):

          Smartes Spielzeug gibt es heute in etlichen Varianten. Gemeint ist Spielzeug, mit dem man rudimentär interagieren kann. Dazu gehören ferngesteuerte Bewegungen, berührungssensitive Oberflächen, die Reaktionen hervorrufen, LED-Augen, die farbig leuchten und „Emotionen“ ausdrücken sollen, Audioausgabe von Geräuschen oder aufgenommener Sprache über integrierte Lautsprecher. In dem „Tatort“ geht es aber um eine Puppe, die ein Mikrofon und einen Lautsprecher hat und die via Bluetooth mit einem Smartphone gekoppelt ist. Auf dem Smartphone wird eine entsprechende App installiert, die eine Internetverbindung mit dem Anbieter herstellen kann. Das Mikrofon der Puppe kann nun für Spracheingabe - zum Beispiel Fragen - genutzt werden, wobei das Sprachsignal nicht im Gerät selbst verarbeitet, sondern in die Cloud des Anbieters übertragen wird. Dort wird es durch Spracherkennung verschriftlicht und ausgewertet, und eine hoffentlich passende Antwort wird erzeugt. Diese wird über das Smartphone wieder auf die Puppe übertragen und dort akustisch ausgegeben. Diese smarte Puppe ist ein interaktives Dialogspielzeug, das bei dem Anbieter zu einer personalisierten Datensammlung kindlicher Fragen, aber auch alltäglicher Geschichten führt, die gebrauchsabhängig durchaus groß sein kann.

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          Frage 2: Laut Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) sind die Puppen in Deutschland verboten, weil sie leicht gehackt werden können, in Österreich hingegen seien sie erlaubt. Stimmt das?

          Die Kinderpsychologin Jenschura (Anne Werner) berät die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec).

          Antwort von Reinhard Karger:

          Für die Puppe „Senta“ im Münchner „Tatort“ war offenbar die Smartpuppe „Cayla“ das Vorbild. Dieses Spielzeug eines amerikanischen Entwicklers ist tatsächlich in Deutschland verboten. Grund dafür ist das Sicherheitsproblem: Wenn die Kopplung ohne Eingabe eines Sicherheitscode möglich ist, kann sich jeder, der in der Nähe ist, mit dem Gerät - in diesem Fall der Puppe - verbinden. Das war bei „Cayla“ der Fall. Laut Stefan Hessel, der als Jura-Student der Universität des Saarlandes Anfang 2017 ein Rechtsgutachten erarbeitet hat, ist es möglich, auf das Mikrofon zuzugreifen, ohne dass dessen Aktivierung über ein Leuchtsignal angezeigt wird. Die Puppe wird also zu einer Wanze im Kinderzimmer. Die Bundesnetzagentur stellte daraufhin bereits am 17. Februar 2017 fest, dass die smarte Puppe „Cayla“ in Deutschland verboten ist, da sie eine versteckte Sendeanlage darstellt und also gegen § 90 Telekommunikationsgesetz (TKG) verstößt. Dieser verbietet die Herstellung, den Vertrieb und den Besitz von Sendeanlagen oder Telekommunikationsanlagen, „die ihrer Form nach einen anderen Gegenstand vortäuschen oder die mit Gegenständen des täglichen Gebrauchs verkleidet sind“. Betroffene Eltern mussten die Puppe zerstören, um sich nicht strafbar zu machen. In Österreich war „Cayla“ zunächst nicht verboten, meines Wissens nach wurden da aber mittlerweile auch die Gesetze entsprechend angepasst.

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          Frage 3: Wie gefährlich ist smartes Kinderspielzeug?

          Antwort von Reinhard Karger:

          Smartes Spielzeug ist nicht gefährlich, aber entwicklungspsychologisch problematisch und mit Sicherheit ein Privacy-Desaster. Man muss ja davon ausgehen, dass Kinder solche smarten Geräte nicht auf dieselbe Weise nutzen, wie es Erwachsene mit Diensten wie Apples Siri oder Amazons Alexa tun. Ein Kind im Vorschulalter kann die technischen Abläufe nicht nachvollziehen. Falls die ausgegebenen Antworten tatsächlich sinnvoll zu den Fragen passen, kann ein Kind verführt sein, einen ausführlichen Dialog mit der Puppe zu führen, und über die eigene, aber auch über die Situation der Familie oder der Freunde sprechen. Dabei kann es ungewollt und unwissentlich private und intime Grenzen überschreiten. Über die App können diese Geschichten einem spezifischen Account zugeordnet, aggregiert und für zielgerichtete Werbung oder andere Formen der Einflussnahme oder Datenerhebung missbraucht werden.

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          Frage 4: Die Kommissare Batic und Leitmayr kommen während der Ermittlungen einer Gruppe von ehemaligen Missbrauchsopfern auf die Spur. Diese verschenken Smartpuppen an Kinder, bei denen sie vermuten, dass sie zu Hause sexuell missbraucht werden. Mit den Puppen spioniert die Gruppe die Kinderzimmer aus und „bestraft“ anschließend die Täter. Wie kann man auf legalem Weg helfen, wenn man (zum Beispiel als Nachbar, Lehrer, Betreuer…) den Verdacht hegt, dass in einer Familie ein Kind missbraucht wird?

          Antwort von Eva Götz (Stadtjugendamt München):

          Wer den Verdacht hegt, dass in einer Familie ein Kind missbraucht wird, kann sich neben der Polizei auch an das Jugendamt wenden. Die Jugendämter haben gemäß Paragraf 1 Absatz 2 im SGB VIII das sogenannte staatliche Wächteramt. Jede Meldung zu Verdacht auf Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch wird ernst genommen.

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          Frage 5: Wie sehen dann die weiteren Schritte aus?

          Antwort von Eva Götz:

          Jeder Einzelfall ist unterschiedlich, aber es gibt ein standardisiertes Verfahren, nach dem jede Meldung im Vier-Augen-Prinzip besprochen wird und die nächsten Schritte festgelegt werden. Dies erfolgt nach einem Wenn-Dann-Schema. In der Regel erfolgen zunächst Gespräche mit dem Melder oder der Melderin. Je nach Einzelfall (inner- oder außerfamiliär) und nach Gehalt der Meldung muss immer wieder im Vier-Augen-Prinzip entschieden werden, ob und wann (auch wo) mit dem Kind oder dem vermutlich nicht missbrauchenden Elternteil gesprochen werden kann.

          Nicht jeder Verdacht kann sofort abgeklärt werden. Oft sind die Hinweise nicht eindeutig und der Verdacht muss bestätigt oder falsifiziert werden. Die Fachkräfte müssen behutsam vorgehen, um nicht falsche Verdächtigungen auszusprechen oder Schutzinterventionen für das Kind zu verhindern, weil die Familie sich zurückzieht. Falls eine Beratung aufgrund einer Not- und Konfliktlage notwendig ist und die Kenntnis des Sorgeberechtigten den Beratungszweck vereiteln würde, hat das Kind einen rechtlichen Anspruch auf Beratung ohne das Wissen des Sorgeberechtigten. Im Falle einer eindeutigen Beobachtung, Aussage oder Bewertung durch mehrere Fachkräfte ist der Schutz des Kindes zu gewährleisten. Das bedeutet eine Trennung von dem vermuteten Missbraucher beziehungsweise der vermuteten Missbraucherin. Dann wird wieder nach Einzelfall entschieden, ob das Kind vom anderen Elternteil geschützt und beispielsweise in einem Frauenhaus oder bei Verwandten untergebracht werden kann oder der missbrauchende Elternteil aus der Wohnung verwiesen wird. Kann das Kind nicht vom Elternteil geschützt werden, wird es von Polizei und Jugendamt an einen sicheren Ort gebracht. Dies erfolgt auch, wenn das Kind selbst um Schutz bittet.

          Nach beiden Schritten und dem gesicherten Schutz des Kindes, gegebenenfalls auch der anonymen Unterbringung, werden die Sorgeberechtigten immer darüber informiert, dass das Kind sich in staatlicher Obhut befindet. Abhängig vom Einzelfall erfolgen weitere Hilfen, gegebenenfalls auch für Geschwister oder den nicht missbrauchenden Elternteil. Das Jugendamt wirkt auch in familiengerichtlichen Verfahren mit, berät und unterstützt bei polizeilichen Meldungen, stellt psychosoziale Prozessbegleitung. Selbstverständlich wird das Jugendamt die weitere Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen im Blick behalten und Schutz, Hilfe und Unterstützung gewährleisten.

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