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André Heller : Von diesem Mann hängt Österreichs Schicksal ab

André Heller posiert in seinem Garten „Anima“ in Marokko. Bild: dpa

Ist André Hellers neuer Roman ausschlaggebend für die Wahl des Bundespräsidenten? Wenn ja, darf er dann überhaupt kritisch besprochen werden? Noch gibt es eine Obergrenze für Freundschaftsdienste im Literaturbetrieb.

          Wie eng beieinander in Österreich Ernst und Operette liegen, davon kann man sich kurz vor der Bundespräsidentenwahl augenreibend ein Bild machen. Denn während sämtliche politische Kommentatoren von links bis rechts angesichts der morgigen „Schicksalswahl“ schon vom Ende der Zweiten Republik sprechen, belegt eine Literaturbetriebsposse um einen weltbekannten Tausendsassa, dass das System Österreich allemal lebendig, ja geradezu fidel ist. Grund für die Wiener Hetz ist das späte Debüt des Chansonniers und Zirkusimpresarios André Heller. Der hat gerade einen Roman geschrieben. In seinem „Buch vom Süden“ erzählt der Neunundsechzigjährige, mit reichlich Anspielungen auf sich selbst, von einem in Wien geborenen Taugenichts, der als Sohn eines Museumsdirektors in Schloss Schönbrunn aufwächst, die lebenslange Italien-Sehnsucht des Vaters fortlebt und, als Pokerspieler zu Geld gekommen und der Heimat, diesem „Reich des Bleiernen und Fröstelns“, fremd, sich wie Heller einst am Gardasee niederlässt.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicht nur in Österreich ist Hellers Prosa ein Ereignis. Sämtliche deutschsprachigen Zeitungen haben den Roman sofort besprochen und kamen, wie Daniela Strigl in der F.A.Z., zu überraschendem Einklang: Der Roman sei „seltsam blutleer“, urteilten die „Salzburger Nachrichten“, „recht gravitätisch“ komme das daher, befand die „Neue Zürcher Zeitung“. „Erzählen kann André Heller tatsächlich nicht“, sagte der „Falter“ über diesen „Paulo Coelho vom Gardasee“. Dass der Hang zum Traumtänzerischen ins Kitschige gleite, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ und meinte: „Auf dem mäandernden Weg in den Süden verliert Heller seine geneigten Leser.“

          Kakanisches Aroma

          Doch nicht alle geneigten Leser hat Heller verloren. Die wenigen Freunde seiner Romankunst fahren für den großen Illusionisten die wunderlichsten Geschütze auf. Ulrich Weinzierl etwa, einst Wien-Korrespondent dieser Zeitung und danach der „Welt“, bekennt sich in seiner Hymne in der „Zeit“ gleich im ersten Satz schuldig im Sinne der ungeschriebenen Regeln der Literaturkritik: dass ein Autor nämlich tunlichst nicht das Buch eines Verlagskollegen rezensiert. Doch Weinzierl ist nicht nur Autor im selben Verlag wie Heller, er hat zudem, worauf er nicht ohne Stolz verweist, dem Verlag das Manuskript, an dem Heller zehn Jahre lang gearbeitet habe, überhaupt erst angedient. Und als Spiritus Rector des arkadischen Unternehmens hat er gemeinsam mit Heller auch die Buchpremiere im Burgtheater bestritten.

          „Kann ein Rezensent parteiischer sein?“, fragt Weinzierl, der es selbst am besten weiß: „Kaum.“ Um dann aber, passt eh, völlig unbekümmert vom kakanischen Aroma des Romans zu schwärmen, auf Hofmannsthal, Torberg und Qualtinger zu kommen und Hellers Werk in all seiner „überschäumenden Kreativität“ und „gestochenen Beschreibungspräzision“ als „Lehrbuch der Sinne“ zu feiern. Ein Geburtshelfer im Kreißsaal könnte das Neugeborene nicht liebevoller preisen.

          Ein weit getriebener Hebammendienst

          Wer sich angesichts dieser Bin-zwar-befangen-aber-sei’s-drum-Technik auch über die Standards der „Zeit“ wunderte, konnte wenige Tage später im „Falter“ lesen, wie Weinzierl die Sache richtig in die Hand nahm. Dem Kollegen, der dort einen der vielen Verrisse verfasst hatte, obwohl Weinzierl in der „Zeit“ doch schon erklärt hatte, dass das Buch gestochen gut ist, schrieb er einen „offenen Brief“ mit der Bitte um Abdruck. „Lieber Klaus Nüchtern, Sie wissen, dass ich Sie lange schon lese und schätze. Darum hat mich Ihre Kritik ,Es werde Licht – es werde Heller!‘ betrübt, ja geschmerzt.“

          Das freilich ist schon ein sehr weit getriebener Hebammendienst. Weinzierl jedenfalls vertraut nicht auf die Überzeugungskraft nur seiner Worte, sondern lädt Nüchtern sicherheitshalber auf „eine Mehlspeis Ihrer Wahl zum Demel“ ein, um ihm in einem Privatissimum jenes Geschichtsbewusstsein nahezubringen, das diesem offensichtlich abgehe. 1954 in Wien geboren, habe er Nüchtern („Sie wurden, ich habe nachgelesen, 1961 in Linz geboren“) „die Gnade der frühen Geburt voraus“. Und auch noch Wien gegen Linz! Außerdem könne er, Weinzierl, sich, was das Fin de Siècle angeht, tatsächlich nicht irren: „Bitte mir zu glauben, dass ich mich hier ziemlich gut auskenne.“

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