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Der neue Nannen-Preis : Erlebst du schon?

Die Nannen-Preise stehen bei der Verleihung in der Elbphilharmonie bereit. Bild: dpa

Der Verlag Gruner + Jahr hat den altehrwürdigen Egon-Erwin-Kisch-Preis renoviert. In der Ausschreibung zum „neuen“ Nannen-Preis ist zu lesen: Gewinnen soll jetzt, wer etwas erlebt hat.

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          In einer der schönsten Szenen von Helmut Dietls Film „Rossini“ liegt der Schriftsteller Jakob Windisch (den manche als Selbstporträt des Ko-Autors Patrick Süskind betrachten) im Bett, schwer lädiert von einem Abend unter Menschen. Die italienische Kellnerin Serafina hat ihn nach Hause gebracht; schon zieht sie ihre Bluse aus und verspricht dem Mann, dass er jetzt etwas erleben werde. „Erleben? Ich will nichts erleben, ich bin Schriftsteller. Io scrivo, non vivo“, stammelt der Dichter – bevor es doch zum Äußersten kommt.

          Und als Leser, Schreiber, Freund der Literatur und der Literaten möchte man hinzufügen: Glaubt Jakob Windisch kein Wort! Wer das Schreiben ernst nimmt, erlebt schon die Frage, ob er jetzt einen Punkt setzen solle oder lieber ein vorsichtigeres Semikolon, als erschütterndes inneres Drama. Selbst ein Zeitungstext kann so zum tief erlebten und heftig empfundenen Konflikt des Autors mit sich selbst werden. Und wenn er endlich fertig ist, der Artikel, dann spüren auch die sensibleren Leser, dass, was da in der Zeitung steht, nicht nur erlebt, sondern manchmal geradezu erlitten ist.

          Und so fühlt man sich als Journalist nicht nur repräsentiert, sondern geradezu verstanden vom Verlag Gruner+Jahr, der jedes Jahr den Egon-Erwin-Kisch-Preis stiftet und in diesem Jahr die Regeln modifiziert und die Ausschreibung modernisiert hat, wenn man in ebendieser Ausschreibung liest: „Die Jury wird Texte mit überwiegend selbst erlebtem Anteil höher bewerten.“

          Ja, möchte man da loben, der Anteil soll hoch sein, schon damit der andere Anteil niedrig bleibt. Man dreht ja langsam durch im Heimbüro, stolpert von einer Schreibkrise in die nächste Sinnkrise; und alle, Frauen oder Männer, Kinder, Nachbarn, arglose Telefongesprächspartner, müssen teilhaben an den Launen und den Krisen eines Autors. In großen Familien und unter entsprechendem Stress kann der nicht selbst erlebte, sondern anderen aufgezwungene Anteil an einem journalistischen Text bis zu siebzig Prozent steigen. Hört man jedenfalls, von Kollegen.

          Fragt sich nur, wie eine Jury das herausbekommen soll – selbst wenn sie so prominent besetzt ist wie diese hier (Chefredakteurinnen, Ressortchefs, Richard David Precht). Spüren die so etwas, recherchieren sie den Entstehungsgeschichten jedes eingereichten Beitrags hinterher? Oder ist der Satz womöglich ganz anders gemeint.

          Es gab in den vergangenen Jahren immer mal wieder Artikel, sehr lange meistens, deren Autoren im eigenen Leben, in der eigenen Vergangenheit die Entstehungsbedingungen der Gegenwart erkundeten, selbst erlebt, gut geschrieben. Else Buschheuers „Kriegerin“, Daniel Schulz’ „Wir waren wie Brüder“. Aber wenn das jetzt zur Norm, zum erstrebenswerten Ziel wird: Wie schreibt man dann eine Fußballreportage? Den Kisch-Preis kriegt, wer das Siegtor schießt.

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