https://www.faz.net/-gqz-q09t

: Der Mozart-Verächter

  • Aktualisiert am

Glenn Gould und Mozart. Man kann daraus auch ein Quartett bilden: Gould, Mozart, Thomas Bernhard und Salzburg. Zumindest gibt es einen literarischen und einen tatsächlichen Zusammenhang. Zunächst zu letzterem: Glenn Gould hat zweimal ...

          12 Min.

          Glenn Gould und Mozart. Man kann daraus auch ein Quartett bilden: Gould, Mozart, Thomas Bernhard und Salzburg. Zumindest gibt es einen literarischen und einen tatsächlichen Zusammenhang. Zunächst zu letzterem: Glenn Gould hat zweimal in Salzburg gespielt, beide Male mit Werken, die nicht unbedingt typisch für den auf Publikumserfolg erpichten Klaviervirtuosen waren. Am 10. August 1958 debütierte er bei den Festspielen mit Bachs d-Moll-Konzert, und am 25. August 1959 spielte er Sweelincks "Fantasia Chromatica", Schönbergs Suite op. 25, Mozarts C-Dur-Sonate KV 330 - und danach nichts Geringeres als Bachs Goldberg-Variationen. Die Zustimmung bei Publikum wie Kritik war beträchtlich. Doch ein leises Gefühl quasi exotischer Fremdheit blieb, sowohl im Hinblick auf Goulds außergewöhnliches Repertoire als auch im Hinblick auf das exzentrische Gebaren des jungen kanadischen Pianisten, dessen musikalisch-klavieristisches Ingenium gleichwohl spontan evident war.

          Ein Festival-Liebling war Gould indes nicht. Und auch er reagierte reserviert-ablehnend auf die Mozart-Stadt. In einem seiner kuriosen Interviews mit sich selbst hat Gould sein Verhältnis zu dieser Kultur- wie Kulturbetriebsfestung thematisiert: "Mr. Gould: das Festspielhaus ist ein Ort, an den ein Mann wie Sie - stets auf der Suche nach dem Martyrium - unbedingt zurückkehren muß . . . Sie müssen noch einmal auf die Bühne des Festspielhauses zurück . . . Dann, und nur dann, werden Sie endlich jenen Märtyrertod sterben, nach dem Sie sich so offenkundig sehnen!" Kein Zweifel: Gould liebte Salzburg nicht.

          Doch Goulds dortige Auftritte sind zum Nukleus einer bestürzenden literarischen Fiktion geworden: Thomas Bernhards Roman "Der Untergeher". Da sitzt der Erzähler, ein Pianist, in Madrid an einem Buch über Glenn Gould, dem "wichtigsten Klaviervirtuosen unseres Jahrhunderts", der auf der Höhe seiner Laufbahn aus dem Betrieb ausstieg und bei den Goldberg-Variationen vom Schlag getroffen wird: Märtyrer seiner Kunst. Doch Bernhards Erfindung reicht viel weiter, bezieht Unwahrscheinlichstes mit ein, ein imaginäres Quartett. Ausgerechnet Vladimir Horowitz soll in Salzburg Kurse gegeben haben, die ein Trio besucht, bestehend aus dem Erzähler, Glenn Gould und Wertheimer, ebendem "Untergeher", der, geblendet und beschädigt durch Goulds Genie, in der Schweiz seinem Leben ein Ende setzt.

          "Untergeher" alle drei: Gould wie Wertheimer, und natürlich auch Bernhard selbst. Einzig Horowitz bleibt als Phantom des Über-Pianisten im Roman einigermaßen stabil. Selbstverständlich ist "Der Untergeher" eine phänomenale Hommage an Gould, den Charismatiker der Goldberg-Variationen. Eine kleine Einschränkung indes gibt es: "Beethoven verachtete er, selbst Mozart war nicht jener von mir wie kein anderer geliebter, wenn er über ihn redete."

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          0:1 gegen Frankreich : Deutscher EM-Fehlstart mit Verve

          Mats Hummels trifft – ins eigene Tor: Beim 0:1 gegen Frankreich überzeugt die Einstellung von Joachim Löws Team. Die Niederlage der Deutschen zeigt aber auch, was zur Klasse der Franzosen fehlt.
          Innenansicht des „IBM Quantum System One“

          Quantencomputer vorgestellt : Rechnen mit kleinsten Teilchen

          Bei Stuttgart steht der erste kommerziell nutzbare Quantencomputer in Europa. Die Forschung verspricht sich von ihm bahnbrechende Ergebnisse, die Industrie kräftige Impulse.
          Von Mazar nach Calw: Brigadegeneral Ansgar Meyer, Kommandeur des letzten deutschen Afghanistankontingents

          Ansgar Meyer : Ein Außenseiter für das KSK

          Brigadegeneral Ansgar Meyer hatte in seiner langen Karriere mit dem KSK lange nichts zu tun. Dennoch übernimmt er nun den Eliteverband. Oder gerade deshalb.
          „Ich fühle mich absolut wunderbar“: Eine unabhängige Journalistin widersprach den Aussagen von Roman Protassewitsch während der Minsker Inszenierung.

          Propaganda in Belarus : „Ich glaube Ihnen nicht“

          Das Lukaschenko-Regime in Belarus benutzt den inhaftierten Journalisten Roman Protassewitsch weiter für seine Propaganda-Inszenierungen. Doch in den öffentlichen Vorführungen regt sich nun auch Widerspruch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.