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Der „Menschenfeind“ in Berlin : Was, wenn die Menschen wirklich so sind?

Schluss mit der falschen Rücksicht auf angepasstes Gerede und ab durch die Mitte: Der Menschenfeind (UlrichMatthes,Zweitervonlinkswierechts), ManuelHarder(links) und Lisa Hrdina. Bild: Arno Declair

Apodiktiker in der Klemme: Anna Lenk inszeniert am Deutschen Theater in Berlin den „Menschenfeind“ von Molière mit Ulrich Matthes in der Hauptrolle und einer lächelnden Kanzlerin im Publikum.

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          Die Menschen könnten besser sein. Sie könnten die sein, die sie sind, das reden, was sie denken und das Geklatsche lassen und die falschen Sprüche. Die Menschen könnten besser sein, ihr Herz öffnen, die Masken ablegen und die Verbeugungen nicht so tief machen. Nicht immer tausend Freunden um den Hals fallen und keinen davon wirklich kennen, nicht nur die Prominenz umschwärmen, sich an der eigenen Eitelkeit erfreuen. Was aber, wenn die Menschen nun so sind? Wenn all das angeborene Schwächen wären, die sich nicht wegerziehen lassen? Was dann?

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Ja, was dann, Frau Merkel? Die Bundeskanzlerin sitzt im Parkett rechts hinten und putzt die Brille. Kein Lachen kommt aus ihrem Mund, höchstens ein leises Lächeln läuft um ihre Lippen. Sie ist ganz Herrscherin, ganz das, was in dem vorgeführten Stück noch Hof heißt, Zentrum der Macht. So weit entfernt liegt das Berliner Kanzleramt am Ende vielleicht gar nicht von Versailles, die 1000 Mitarbeiter, die hier inzwischen dienen, die vielen neuen Zuständigkeiten und eigenen Rechte schwächen die Macht des Parlamentes und erinnern von Ferne an Bismarck, wie der Staatsrechtler Florian Meinel schreibt. Aber es geht nicht um den Staat an diesem Abend, es geht um die Gesellschaft. Darum, wie falsch und verlogen sie ist. Wenn drei in einem Raum sind, lügt immer einer. Einverständnis herrscht nur, wenn man über eine andere herzieht, einen anderen mit Dreck beschmeißt. Nur einer will sich dem giftigen Comment nicht beugen: Alceste, der Menschenfeind. Ihm platzt der Kragen bei jedem heuchlerischen Wort, das seine Umwelt an ihn richtet. Die Lüge macht ihn wütend, das Sich-Verstellen wild. Die Menschen reizen seine Galle, mit strengem Ernst beschwört er Wahrheit und Tugend: „Ein Freund für alle ist kein Freund für mich“.

          Eine böse Seele

          Dumm nur, dass gerade er verliebt ist in eine junge Witwe, die nichts lieber hat als Klatsch und Tratsch. Die ihre Tage damit verbringt, den einen gegen den anderen auszuspielen, schlecht über ihre Freundinnen zu reden und ihre Gäste vom Abend zuvor bei denen am nächsten Morgen in Verruf zu bringen. Dass sie, Célimène, von einer ganzen Schar von falschen Fünfzigern und bösen Blendern umschwärmt wird, treibt den Menschenfeind in den Wahnsinn. Ganz grau ist sein wuscheliges Haar schon geworden vor lauter Sorge um die Moral seiner Angebeteten. Er weiß, er liebt eine böse Seele, aber ihre Augen, ihr Mund sind doch so schön...

          Ulrich Matthes spielt einen Apodiktiker in der Klemme: Jedem hergelaufenen Marquis oder betulichen Dichterkönig ist er bereit, die beleidigende Wahrheit ins Gesicht zu sagen, aber bei seiner Geliebten lässt er ein ums andere Mal Gnade vor Moralrecht ergehen. Er kann sie nur tadeln, nicht von ihr lassen. Vom ersten Moment an hin- und hergerissen steht Matthes mit gestutztem Bart und stechenden Augen auf der halbschrägen Bühne und bohrt mit nach untem gestreckten Zeigefinger Warnungen in die Luft. Er ist einer, dessen Name nicht in Wasser, sondern in Beton geschrieben ist, und zwar in Paragraphenform. Unerbittlich läuft er mit dem Kopf gegen die Wand. Seinen Gerichtsprozess will er unbedingt verlieren, damit die Welt einsieht, wie schlecht sie ist, jedem Schmeichler heftig vors Schienbein treten, um als einziger Gerechter dessen Hass auf sich zu ziehen.

          Wenn Oronte, ein einflussreicher Günstling am Hof, ihm, dem anerkannten Dichter, seine schrägen Verse vorträgt, dann sucht er gar nicht erst nach ausgewogenen Worten, sondern knallt ihm ganz unsortiert seinen Widerwillen vor die Füße. Timo Weisschnur gibt den Beleidigten als einen hüftschwingenden Dummkopf mit Tennissocken und besticktem Trainingsanzug. Er bleibt hier nur unterhaltsam karikierende Charge, denn seine Racheaktion gegen Alceste, dem er im Original einen „verfassungsfeindlichen“ Text anhängen will, ist gestrichen.

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