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: Der Mann, zu dem die Frauen zurückkommen

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Natürlich braucht man keinen besonderen Grund, um sich die Filme von Almodóvar immer wieder anzusehen. Die vierzehnteilige DVD-Collection der Ufa ist trotzdem ein guter Anlass, weil sie fast eine Gesamtausgabe ist.

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          Natürlich braucht man keinen besonderen Grund, um sich die Filme von Almodóvar immer wieder anzusehen. Die vierzehnteilige DVD-Collection der Ufa ist trotzdem ein guter Anlass, weil sie fast eine Gesamtausgabe ist. Es fehlen, außer den Kurzfilmen (die eine eigene Edition wert wären), nur drei der frühen Spielfilme, vor allem "Matador" mit der unvergesslichen Anfangsszene, in der Assumpta Serna einen ihrer Partner mitten im Akt mit einer Haarnadel ersticht. Aber "Das Kloster zum heiligen Wahnsinn" und "Labyrinth der Leidenschaften" sind dabei - und vor allem "Womit habe ich das verdient?", Almodóvars wirklich großer Film, nicht nur deshalb, weil eine längere Sequenz im Berlin der achtziger Jahre spielt, komplett mit Gedächtniskirche, Tegel-Airport und Grunewaldvilla. Dort sucht der erfolglose Schriftsteller Lucas die alternde Schlagerdiva Ingrid auf, weil er sie für eine gefälschte Hitler-Autobiographie gewinnen will. Es ist die prototypische Almodóvar-Szene: Die Diva, die sich gerade mit einer Familienportion Schlaftabletten umbringen will, versucht den Besucher abzuwimmeln, der aber hält ihr solange den Kopf übers Waschbecken, bis sie einwilligt, in Madrid anzurufen, wo ihr Ex-Lover Antonio, ehemals Gastarbeiter in Deutschland, ihr immer noch nachtrauert - Lucas hat den Tipp von Antonios Ehefrau Gloria bekommen, die bei ihm putzen geht. Das deutsche Interieur stammt von Fassbinder, die Story aus einer spanischen Soapopera, aber der Rhythmus ist schon purer Almodóvar.

          Und Gloria ist Carmen Maura. Sie hält den Film zusammen, so wie sie ein halbes Dutzend weiterer Almodóvar-Filme zusammengehalten hat, von "Pepi, Lucy, Bom und die anderen" (1980) bis "Volver" (2006). Es sind die Frauen, auf denen Almodóvars Kino gebaut ist, und während die Männer es immer nur als Durchgangsstation nutzen - selbst der von Almodóvar eigentlich erst entdeckte Antonio Banderas -, kommen die Frauen immer wieder zu ihm zurück: Marisa Paredes, Cecilia Roth, Rossy de Palma, Victoria Abril und sogar die mit "Volver" aus Hollywood heimgeholte Penélope Cruz.

          Darin ist Don Pedro tatsächlich der einzig legitime Nachfolger von Fassbinder: Sein Kino ist ein großer Frauenzirkus, in dem alle Männerfiguren verschiedene Charakterfacetten, Traum- oder Feindbilder des Regisseurs verkörpern. Das heißt, dass Almodóvar in seinen Männerrollen sich selbst und seine Privatphantasien, in den Frauen aber die Welt da draußen abbildet. Deshalb haben seine Schauspielerinnen fast immer die besseren Rollen: Marisa Paredes in "Mein blühendes Geheimnis" und "Alles über meine Mutter", Victoria Abril in "Kika" und "Fessle mich!", Carmen Maura in "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs". Die Filme aber, in denen der große Frauendompteur auf seine Heldinnen verzichtet und (mehr oder minder) reine Männergeschichten erzählt, sind vielleicht seine wahren Meisterwerke. Eigentlich sind es nur zwei: "Das Gesetz der Begierde" (1986) und "Schlechte Erziehung" (2004). Sie gleichen einander wie Spiegelbilder. In beiden ist die Sexualität ein Dämon, der Körper ein Hemmschuh auf dem Weg zur Seligkeit, das Leben ein Ritt zum Tode, die Liebe ein Gift und der Tod ein Liebesopfer. Vielleicht ist Pedro Almodóvar der letzte Romantiker des europäischen Films. ANDREAS KILB

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