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: Der Mann vom Mond

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Als Diane McWhorter in den fünfziger und sechziger Jahren in Birmingham, Alabama, aufwuchs, war die Stadt eines der Zentren der Bürgerrechtsbwegung. Ihr erstes, vor fünf Jahren mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Buch hat die Publizistin diesem Thema gewidmet.

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          Als Diane McWhorter in den fünfziger und sechziger Jahren in Birmingham, Alabama, aufwuchs, war die Stadt eines der Zentren der Bürgerrechtsbwegung. Ihr erstes, vor fünf Jahren mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Buch hat die Publizistin diesem Thema gewidmet. Bürgerrechte sowie "Rassentrennung" kann man wohl als Lebensthemen von McWhorter bezeichnen, die für die "New York Times" und ähnliche Blätter schreibt. Und deshalb scheint es auf den ersten Blick abwegig, dass sich die Autorin nun dem deutsch-amerikanischen Raketeningenieur Wernher von Braun zugewandt hat.

          Aber auch hier gibt es ein biographisches Motiv: In McWhorters Kindheit war der deutsche Aristokrat in Amerika ein Superstar. McWhorter gilt er als "Elvis der technologischen Sphäre", als einziger Ingenieur in der Menschheitsgeschichte, der Kultstatus erreichte. Vor allem die drei Disney-Produktionen "Man in Space", "Man and the Moon" sowie "Mars and Beyond" aus den Jahren 1955 bis 1957 schufen seine unerhörte Popularität. "Noch vor dem Sputnik-Schock hatte er Fernsehshows, um bei einem Massenpublikum Propaganda für die Raumfahrt zu machen", sagt McWhorter, die sich derzeit als Gast der American Academy in Berlin aufhält, um für ihr Buch zu recherchieren. Sie will herausfinden, wie es dazu kommen konnte, dass der ehemalige Nationalsozialist und SS-Angehörige von Braun den amerikanischen Traum im wahrsten Sinne des Wortes zum Fliegen brachte - und zwar mit einer Weiterentwicklung von Hitlers V2-Rakete. Es geht ihr darum, Wernher von Brauns Reise ins All über die Stationen Hitlerdeutschland und den Rassentrennungs-Südstaat Alabama aus sozialgeschichtlicher Perspektive nachzuzeichnen. Was genau bei ihrem Vorhaben herauskommt, weiß McWhorter noch nicht einzuschätzen. Doch in einem Vortrag, den sie jetzt im Deutschen Hygienemuseum in Dresden gehalten hat, zeichnete sich eine Parabel über Strukturen des Totalitarismus und über die erstaunliche Flexibilität des amerikanischen Freiheits- und Befreiungsmythos ab.

          Natürlich hätte Wernher von Braun überall in Amerika seine Raketen gebaut. Er war ein Technokrat, der, solange es um den Weltraum ging, seine Fähigkeiten stets umstandslos dem Militär zur Verfügung stellte. Bis 1945 unter Hitler in Peenemünde und Mittelbau-Dora, wo bei der Herstellung der V2 12 000 Menschen ums Leben kamen - die Rakete war damit die einzige Waffe, deren Produktion mehr Opfer forderte als ihr Einsatz. Dann von 1950 an für die amerikanische Armee in Alabama, wo auch im Zweiten Weltkrieg massenweise Bomben hergestellt worden waren. In Huntsville wurde Braun zum Leiter des Programms für atomare Kurzstreckenraketen. Erst Sputnik löste sein Tun aus der militärischen Umklammerung. Nun konnte er seine Weltraumträume wahr werden lassen, ohne Massenvernichtungswaffen bauen zu müssen. Ohne den Sputnik-Schock, ohne das ins All ausgeweitete Wettrennen der neuen Welt-Antagonisten Amerika und Sowjetunion wäre nicht 1958 die Nasa gegründet worden.

          Obwohl die Durchsetzung der Bürgerrechte in den Südstaaten heute geradezu als Neugründung der amerikanischen Republik gilt, zieht noch heute keiner der alten Deutschen, die Diane McWhorter in Alabama interviewt hat, einen Vergleich zwischen der Behandlung der Schwarzen im amerikanischen Süden der fünfziger und sechziger Jahre und den Rassegesetzen in jenem Land, das sie 1945 verließen. Mit Widersprüchen und merkwürdigen Koinzidenzen leben mussten freilich auch die Einheimischen: Von amerikanischen Familien, von denen viele ihre Söhne im Kampf gegen Hitlerdeutschland verloren hatten, wurde erwartet, dass sie nun die besten Köpfe ausgerechnet der Wehrmacht aufnahmen. Sie taten es ohne weitere Umstände. "Um ehrlich zu sein, müsste wohl jeder weiße Südstaatler, der im System Rassentrennung lebte, verstanden haben, was es bedeutet hatte, unter einem manifest bösen System ein ,guter Deutscher' zu sein", formuliert McWhorter spitz.

          In der Darstellung der Publizistin verbinden sich in der Zeit des "Space race" in Huntsville, Alabama, die zwei großen globalen Konflikte - der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg - mit dem großen innen-amerikanischen Drama: der Befreiung der Afroamerikaner. Überwölbt wird alles mit einer neuen Deutung der ewigen amerikanischen Idee von der "New Frontier". Präsident John F. Kennedy definierte die neue Grenze im Mai 1961 so: "Vor dem Ende des Jahrzehnts" müsse ein Amerikaner auf den Mond. Damit hatte die Ära Wernher von Brauns endgültig begonnen. Und während das Saturn-Raketen-Programm mächtig voranschritt, kam es in den Städten Alabamas zu erbitterten Kämpfen um die Rassentrennung. Nach der Verabschiedung des von der großen Demonstration Martin Luther Kings in Birmingham inspirierten "Civil Rights Act" im Jahr 1964 drängte die Nasa Wernher von Braun, eine Art Botschafter für Rassenbeziehungen zu werden. So warb der Ingenieur unter den Geschäftleuten des Staates darum, doch künftig das Richtige zu tun. Dank des direkten Drucks, den Braun und seine Vorgesetzen von der Regierung ausübten, wurde Huntsville binnen kurzer Frist die progressivste Gemeinde Alabamas. "Ich weiß nicht, ob Braun dabei auch von Gewissensbissen getrieben war. Aber ich halte es für möglich, dass er dachte, damit die Last seiner Vergangenheit abgeworfen zu haben", sagt Diane McWhorter. REINER BURGER

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